Der Freigeist

Friedrich Nietzsche hatte das Zeug zu vielem, darunter auch zum Lieblingsdichter der Deutschen. Einige seiner Gedichte werden seit über 100 Jahren, seit den Zeiten von Bethge und Avenarius, in der Kaiser- und Republikzeit, Nazizeit, frühen Adenauerzeit und bis in unsere Zeit, bis Conrady, Detering, Echtermeyer und Ulla Hahn, anthologisiert. „An der Brücke stand“ (auch „Venedig“) wird lyrisch, einfach indem man den Kontext wegläßt, in dem es bei Nietzsche zuerst erschien: in einer philosophischen Schrift als Teil einer scharfen Polemik gegen die deutsche Musik (Zauberformel: Kontext weg und: Lyrik!). Ein anderes Lieblingsgedicht ist „Vereinsamt“, jeden Herbst wiederverwendbar:

Vereinsamt

Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg‘, Vogel, schnarr‘
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck‘ du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Ein Herbstgedicht, ein heimliches Heimatgedicht von Nietzsche!

Entstanden ist das Gedicht im Herbst 1884, veröffentlicht wurde es in dieser Form (Satzzeichen hab ich jetzt nicht überprüft) zuerst 1894, von Nietzsche nicht autorisiert, denn der war ferne, nicht mehr dabei. Eigentlich hat es zwei weitere Strophen (und verschiedene Titel, darunter: Der Freigeist). Ältere Anthologien und auch einige neuere veröffentlichen es oft in dieser verkürzten Form. Es scheint irgendwie geschlossener, gelungener so. Die weggelassenen beiden Strophen und besonders die letzte erscheinen manchmal selbst kundigen Literaturwissenschaftlern als „nicht die ästhetisch gelungenere(n)“. Sie lauten mit Zwischenüberschrift:

Antwort

Daß Gott erbarm‘!
Der meint, ich sehnte mich zurück
In’s deutsche Warm,
In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!

Mein Freund, was hier
Mich hemmt und hält, ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!

Peng! Alle lyrische Illusion zerstört! Nietzsches Gedicht ist ein garstiges. Entkontextualisierung hilft, sie macht aus garstigen, polemischen Texten zeitlich-überzeitlichem Geschmack kommensurable ewige lyrische Perlen. Halt so „Ästhetik“, Stuben-Glück.

(Triggerwarnung für Studenten und KritikerInnen mit Sekundärliteraturallergie)

Bei literaturkritik.de eine neue literaturwissenschaftliche Analyse durch Thomas Anz.

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