Dichter vs. General

Hochdramatisch verlief die Wahl in Myanmar, wo die lange unterdrückte Demokratiebewegung 387 Sitze gewann, die vom Militär unterstützte Regierungspartei dagegen nur 42. Am eindrucksvollsten war vielleicht der Sieg des Dichters und früheren politischen Gefangenen U Tin Thit, der gegen den ehemaligen Verteidigungsminister antrat und gewann. In seinem Wahlbezirk leben mehr als 7000 Soldaten und 2000 Polizisten. Dennoch errang er einen knappen Sieg mit nur 176 Stimmen mehr als sein Kontrahent. Ein Streit im Florida-Stil [als Greifswalder übersetze ich: Greifswald-Stil] begann. Der General, der mit dem Leiter der Wahlkommision zusammen gedient hatte, verlangte eine Wiederholung der Auszählung. Anwälte halfen dem Dichter, indem sie darauf verwiesen, daß laut Wahlgesetz eine Nachzählung nur bei Stimmengleichheit zulässig ist. Nach stundenlanger Beratung bestätigte die Wahlkommission das Ergebnis. [In Greifswald dauerte es fast ein halbes Jahr, bis der grüne Wahlsieger im Amt bestätigt wurde, und prompt legte der unterlegene CDU-Bausenator Klage ein.]

Der 49jährige Tin Thit beteiligte sich 1988 als Student an der Demokratiekampagne gegen die Militärdiktatur und wurde mit tausenden verhaftet. Sieben Jahre blieb er im Gefängnis. Zur Ursache seines Sieges sagt er: „Den Menschen wurde 50 Jahre lang ihre Würde vorenthalten. Sie wollten sie zurück.“

Landesweit waren 10 Dichter unter den Kandidaten der Nationalen Liga für Demokratie, daneben u.a. 54 Bauern, 22 Lehrer und nur 13 Politiker. In Myanmar gibt es eine starke Verbindung zwischen Lyrik und Politik. Lyrik nahm in den 50 Jahren der Diktatur die Funktion an, unter der Zensur in Sklavensprache die Wahrheit zu sagen.

Tin Thits letztes Gedicht, geschrieben während der Wahlkampagne:

Democracy Wish

Tonight
The moon is all alone
It’s so alluring and making me dizzy,
I wish all the rooftops would light up with the full moon’s brightness.
But I do not need to pray because my wish is already granted.

/ Thomas Fuller, New York Times 15.11.

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