Münchner Rede zur Poesie

Michael Braun schreibt bei Signaturen über die Münchner Rede zur Poesie, die Ulf Stolterfoht am 11. November 2015 im Lyrik-Kabinett gehalten hat. Auszug:

In seiner für ihn typischen Rhetorik des charmanten Understatements gab Stolterfoht vor, auf eine Systematisierung seines poetologischen Wissens zu verzichten und stellte sich stattdessen als „Experte für Euphorie“ vor, der seine Glückserfahrungen beim Lesen schwieriger, ja sehr schwieriger Gedichte in enthusiasmierten Kommentaren preisgibt. Seit vielen Jahren ist Stolterfoht der kundigste Prophet und Exeget der experimentellen Lyrik, einer Form der Dichtung, die mit großer Leidenschaft alle nur erdenklichen Spielarten der Kultivierung binnensprachlicher Abenteuer und Evidenzen durchprobiert. „Experimentelle Lyrik“, so hat es Stolterfoht in seinem wegweisenden Essay in der Zeitschrift „Bella triste“ (Heft 17, 2007) formuliert, ist „eine Form >realisierter Freiheit< (Ernst Jandl), die aus sich selbst heraus jeden methodischen Zwang zurückweisen muss….nur darf man dabei nicht in den Fehler verfallen, den meta-sprachlichen Anteil eines Gedichtes für das eigentliche Sprechen zu halten, ein Sprechen höherer Ordnung, für das die referentielle und semantische Problematik aufgehoben wäre.“ Dieses Mantra der Experimentalpoesie hat der Dichter in seinen diversen Rollen als Dozent (am Literaturinstitut in Leipzig), als Verleger („Brueterich Press“), als Initiator der „Lyrikknappschaft Schöneberg“ und als Diskurs-Anstifter auf diversen Portalen und Foren („Timber. Eine kollektive Poetologie“) immer weiter verfeinert. (…)

Die Begegnung mit Pastiors „Wechselbälgern“ wurde zu jenem Akt der Befreiung, der am Anfang jeder künstlerischen Existenz steht: „Die Sensation dieser Texte, ihre unerhörte Freiheit, lag natürlich in ihrer Unverständlichkeit. Denn Unverständlichkeit ist etwas ganz anderes als Schwerverständlichkeit …. Wenn das schwer verständliche Gedicht das aristokratische, elitäre und hierarchische Gedicht ist, denn genau so hatte ich diese Gedichte im Deutschunterricht erlebt – der nebenbei ein sehr guter war -, dann waren diese Gedichte demokratisch und unhierarchisch. Dass ich sie tatsächlich auch für nicht elitär halte, genau darum geht es ja in dieser Rede.“ Und dann folgt eine Reihe von in diesem Sinne vorbildhaft unverständlichen Gedichten aus seiner privaten Text-Jukebox, die Stolterfoht als seine Lieblings-Evergreens zitiert und kommentiert. Als seine fantastischsten Beispiele einer „grenzenlosen Freiheit“ des Gedichts können hierbei die Texte von Ernst Herbeck, Dieter Roth, Gunter Falk und Helmut Heißenbüttel gelten, die von unterschiedlichsten Voraussetzungen her geschrieben sind und in unterschiedlichste Richtungen führen. Aber über eine gemeinsames Fundament verfügen und von einer sehr ähnlichen poetischen Motorik angetrieben werden: Ihre Handlung und ihr Thema ist die Sprache.

Ulf Stolterfoht: Wurlitzer Jukebox Lyric FL. Über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2015. 40 Seiten, 12 Euro.   

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