Kommunikationsguerilla

Aus einem Interview über den Aufruf der „Epidemie der Künste“ zu einem „Jahrbuch der Refusés“ und politische Lyrik, das Kristian Kühn mit Kai Pohl führte (Signaturen):

KP: Zu „Brecht oder Fried“ fallen mir spontan Andreas Paul und Jannis Poptrandov ein, die in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle spielen. Aber sie gehören zu den durchaus vorhandenen lebenden Verfassern renitenter Lyrik; nicht zu vergessen Bert Papenfuß, der 1998 den Erich-Fried-Preis bekam. Und klar, Auswahlprozesse sind mühsam. Man wühlt sich durch einen Haufen Müll, um eine Perle zu finden.

(…)

KK: Wollt ihr – wer ist eigentlich die Redaktion oder Jury, die die Auswahl trifft – hauptsächlich politische Texte bringen, sofern sie wirklich eingereicht wurden beim Jahrbuch? Was ihr als Kriterium in eurem Aufruf nennt, ist ja mehr als vieldeutig, fast verschwörungstheoretisch – im Nachwort schreibt die Mitherausgeberin des Jahrbuchs: „Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.“ Oder wollten? Oder nicht eingereicht wurden? Ihr sagt: „Da könnte sie sich irren!

KP: Ich kenne ein paar Einsendungen von Kollegen, in denen sich Texte finden, die über den Horizont des heurigen Jahrbuchs hinausweisen. Insofern hat das Ganze mit Verschwörungstheorie nichts zu tun. Wir werden die Auswahl nicht auf eine Thematik bzw. Herangehensweise beschränken, wir werden sicher nicht ausschließlich „politische Texte“ aussuchen.

KK: Ihr geht noch mehr in die Verschwörungsschiene, indem ihr zum Schluss sagt, es seien auch Texte bei euch erwünscht, von denen der Einreicher oder Nichteinreicher glaube, „wenn ich sie eingesandt hätte, wäre ich nicht vertreten.“ Pappelschnee ist auch so ein Wort, das dionysisch dunkel und nahezu todesmutig ist. Habt ihr keine Angst, Ärger mit dem Verlag des Jahrbuchs und den Herausgebern zu bekommen? 
KP: (…) Nora Gomringer weiß doch, daß sie aus einer privilegierten Position spricht, wenn sie im Nachwort des Jahrbuches sagt, daß die Leser „Dinge vermissen“ könnten, “die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.“ Unser Aufruf ist ja keine Kritik am Jahrbuch selbst, wir sind keine Rezensenten. Der Aufruf kritisiert die Intransparenz des Prozesses, wie das Jahrbuch zustande kam, in der merkwürdigen Art der Verschleierung, die durch die Äußerung der Herausgeberin belegt ist. Mir ist schon klar, daß Herausgeber autonome Entscheidungen treffen müssen. Nur sollen sie dann auch dazu stehen, und nicht in vorauseilender Entschuldigung Dinge behaupten, die ihnen keiner abnimmt.
(…)  Ein, zwei Tage nachdem wir den Aufruf gesendet hatten, wurde uns klar, daß die Sache ein großer Spaß ist. Mit Aufmerksamkeitsheischerei hat das nichts zu tun, uns geht es um die Brauchbarkeit der Lyrik und darum, den lyrischen Zirkel zu erweitern, damit ein besseres Bild entsteht. Ein stringenter Nachweis, welche Texte eingesendet wurden oder nicht, ein klares Wieso-Weshalb-Warum, wird nicht möglich sein und war auch nicht unsere Absicht.
 (…) Wir warten jetzt mal die Einsendungen ab und sehen dann, was daraus zu machen ist. Ein „Gegenbuch“ soll es nicht werden, eher ein Ergänzungsband, ein ernstgemeinter Scherz vielleicht, weil die Vorgehensweise die legitimen oder für legitim gehaltenen Formen des literarischen Diskurses unterläuft im Sinne einer Kommunikationsguerilla.

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