Diese Zeit Mitte der Neunziger

Aus einem Nachruf auf Ulrich Zieger von Marcus Roloff, lyrikkritik.de:

Diese Zeit Mitte der Neunziger, alles war im Kommen, ich ein Zugezogener, rannte die LSD-Ecken ab, kam mit dem Schreiben voran, lag auf Matratzen in fremden zwischengemieteten Wohnungen, las auf dem Klo liegengelassene Berliner Illustrierte mit Anderson auf dem Cover, lungerte vor Galrev rum, trank was im Kiryl, erwartete Briefe, schrieb keine eigenen, traf Leute, die Lyriker waren, Tote wie Anemone Latzina oder Lebendige wie Kiev Stingl, war verdruckst, bis zum Anschlag verquatscht und beeindruckt, später die Wohnung in der Dunckerstraße mit J., meinem besten Freund, wir grasten die Gegend ab, hockten bis früh im Schliemann, im Torpedokäfer, in einem Ding namens Nox, Ecke Stargarder, diese Nächte, besonders im Sommer, zurück nachhause um vier, hellwach vorbei an den rauschenden Pappeln hinter der Wichertstraße, in der Ulrich Zieger wohnte, den wir des Öfteren trafen, nachts, frühestens ab zwei Uhr morgens erschien er, immer allein, trat wie nach irgendwelchen ausgedehnten Spaziergängen aus der Nacht in das dunkle Licht der Lokale, ich hatte Angst vor seinem Blick, denn der bohrte sich rein und hielt dort stand und fragte und wollte wissen, was es bedeute, das ich redete, und ich redete was, so ein aufgescheuchtes in die Gegend Reden war das, aus Furcht, mit Nichtreden alles noch unerträglicher zu machen, denn das war es, unerträglich, dazusitzen beim Bier und nichts (nichts, nichts) zu haben als ein Gelaber, am besten konnte ich das beim Thema Lektüren, deren eine Rimbaud war, die Seherbriefe, die Saison in der Hölle, das Verstummen, er sah mich mit hochgezogener Braue an und schwieg, in der Rückschau verschwimmen die Eindrücke, mein Bild von ihm überlagerte sich für einen Augenblick mit dem von Rimbaud, dem, der in Somalia mit Waffen handelt und Expeditionen ausrüstet und keine Lust mehr auf ausgedachte Lyrik hat.

One Comment on “Diese Zeit Mitte der Neunziger

  1. „…nichts (nichts, nichts) zu haben als ein Gelaber…“ – bei deisen Worten steht es mir sofort vor Augen – dieses Mitte-der-Neunziger-Gefühl… Und heute? Heute ertappe ich mich manches Mal beim Sehnen nach diesem schönen Nichts. Ach ja, Rimbaud las ich damals auch…

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