Vogelworte in der Sprache Tujaal

Stan Lafleur schreibt aus Guatemala:

Auf dem internationalen Poesiefestival von Aguacatán habe ich mit Pascual Tz’ikin einen jungen Mayadichter kennengelernt, der seine Texte ursprünglich auf tujaal, einer von relativ wenigen Menschen in der Region Huehuetenango/Guatemala gesprochenen Mayasprache verfaßt und selbst ins Spanische überträgt. Die Gedichte erscheinen in einem der für Lateinamerika typischen Cartonera-Verlage, der lokalen Edition Caféina, die landesweit beachtet wird, seit derartige Publikationen einen Leerraum erschlossen. Vor wenigen Tagen feierte Pascuals neuer Band “Palabras de pájaro” (Vogelworte) Premiere. In der Originalsprache vorgetragen sind die Gedichte ein unvergleichliches Erlebnis. Pascual inszeniert sie auch im Dialog mit seiner eigenen Stimme vom Band zu selbsteingespielter Musik und als Handpuppe fungierender Jaguarmaske, eine Zwiesprache mit seinem Nahual vorstellend: eines der magischsten, psychedelischsten Spoken Word-Momente meines Lebens, das mich technisch gesehen an frühe eigene Experimente mit Tapezuspielungen erinnerte. Nach dem Auftritt reichte Pascual seine Gedichte auf tujaal an mich weiter und sagte: “Los, lies mal vor!” Ich versuchte, seinen Rhythmus zu imitieren und als ich geendet hatte, urteilte er: “Nicht schlecht!” Dann las er den Text nochmal selber, und ich entdeckte auf acht Zeilen rund hundert Fehler, die ich begangen hatte. Zu der Tatsache, daß einige Buchstaben in Mayasprachen anders als im Deutschen/Spanischen ausgesprochen werden, kommen noch die schnalzenden, klickenden Gaumenlaute. Die Textinhalte bestehen aus simplen Formeln zur Beschreibung der Naturkreisläufe. Auf Spanisch vorgetragen verlieren sie an Magie. Auf tujaal jedoch klingen sie wie aus den Tiefen der Bäume, der Berge, des Windes entstanden, die sich selbst zu vergewissern und zu beschwören scheinen wie ich es ähnlich bisher nur aus den sursilvanischen Gedichten des vor einigen Monaten verstorbenen Vic Hendry kannte.

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