Noch einmal Technik

Da wir beim Thema sind (siehe vorige Nachricht):

Ein Freund erzählt von einer Lesung des Büchnerpreisträgers Martin Mosebach auf der Insel Hiddensee. In der anschließenden Diskussion fragt ein Zuhörer, was er, Mosebach, von Technik halte. M. ist unverlegen. Technik? Davon hält er gar nichts. Hölderlin und Rimbaud hätten auch nicht groß nach Technik gefragt, sondern einfach geschrieben. Aha, noch ein Vertreter der „Ich singe wie der Vogel singt“-Theorie. Hat Arthur Rimbaud wirklich nur so drauflosgedichtet, kann gefragt werden.

Kann man das als Franzose überhaupt? Der junge Goethe konnte wählen, ob er sich der Formen der Rokokodichtung bedienen oder in Klopstocks Manier reimlose freie Rhythmen dichten wollte. Einem Franzosen stand diese Option auch über 100 Jahre später nicht zur Verfügung. Dichten heißt auch für die Revolutionäre unter Frankreichs Dichtern Form wahren, Reim, metrische Formen und andere Gesetze zu lernen und anzuwenden. So schreibt Rimbaud wie vor ihm Baudelaire meist ebenso wie Racine und Molière in gereimten Alexandrinern – gleich ob es um den Ball der Gehenkten, die Lumpenrasse der Proleten, Läusesucherinnen, Ophelia, siebzehnjährige Dichter oder den Afterulcus der Venus Anadyomene geht. (Nur eine freie Form gibt es im Französischen, das Gedicht in Prosa, eine alte Form, die auch Baudelaire und Rimbaud reichlich nutzen. Ansonsten ist Dichten immer an vorher gelernte Formen gebunden. Techniken, verehrter Herr M.!

Und unser deutscher Hölderlin? Fast noch weiter gefehlt. Anders als Goethe, Schiller oder Heine erlaubt sich Hölderlin keine Freiheiten im Formalen, nur die Ideen sind revolutionär. Wenn man deutsch dichten will, meint Hölderlin, muß man die alten Meister studieren, besonders die Griechen. Und so übersetzt er Sophokles und Pindar, weniger um den „Sinn“ zu übermitteln als um die Form zu studieren.  Seine Utopie setzt nicht auf Traditionsbruch, sondern geht davon aus, daß die Gebrechen der Gegenwart durch Rückgriff auf  die alten Griechen zu kurieren sind. Die Dichter haben keine Funktion in der modernen Gesellschaft, werden vom Publikum verlacht oder nicht verstanden und verdienen nicht die Brötchen fürs Überleben? Müssen sie eben lernen, solide handwerksmäßig zu arbeiten wie die Griechen, nach berechenbaren, formularisierbaren, wiederholbaren Formen. Gut möglich, daß Herr Mosebach davon nicht viel im Studium erfahren hat; aber man kann es nachlesen. Anmerkungen zum Ödipus:

Es wird gut seyn, um den Dichtern, auch bei uns, eine bürgerliche Existenz zu sichern, wenn man die Poesie, auch bei uns, den Unterschied der Zeiten und Verfassungen abgerechnet, zur μηχανη  [mechaneμηχανήmēchanē] der Alten erhebt.

Auch andern Kunstwerken fehlt, mit den griechischen verglichen, die Zuverlässigkeit; wenigstens sind sie bis izt mehr nach den Eindrüken beurtheilt worden, die sie machen, als nach ihrem gesetzlichen Kalkül und sonstiger Verfahrungsart, wodurch das Schöne hervorgebracht wird. Der modernen Poesie fehlt es aber besonders an der Schule und am Handwerksmäßigen, daß nemlich ihre Verfahrungsart berechnet und gelehrt, und wenn sie gelernt ist, in der Ausübung immer zuverlässig wiederhohlt werden kann.

Das ist nicht nur für Herrn Mosebach starker Tobak, sondern für einen Großteil der Germanistik und des Feuilletons mit, immer noch und wieder (davon ein andermal). Die spotten lieber über Literaturinstitutsliteratur, kann man ja machen, nur auf Hölderlin, Pound oder Rimbaud kann man sich da nicht stützen.

/ Michael Gratz

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