Andreas Koziol zu Ulrich Zieger

Ein Nachruf auf Ulrich Zieger (29.12.1961 – 23.07.2015)

Er war ein Mann von echter Gegenwart. Er besaß eine intuitive Hellsichtigkeit, die er selber „Gedankenblick“ nannte. Seine literarische Poesie war voller Überraschungen, sie fiel aus jeder Schublade heraus. Er war einer, der Zeit mitbrachte, allein dies machte ihn zu einer unzeitgemäßen Existenz. Die Nostalgie, die ihm nachgesagt wurde, wird ein Mißverständnis gewesen sein. So wie ich ihn kannte, tappte er lediglich nicht gern in die Falle des Aktuellen. Er war stark, auch in der Art, wie er mit Verletzungen umzugehen und aus ihnen poetische Ausdruckskraft zu gewinnen vermochte. Es fällt schwer, über seinen plötzlichen Tod zu klagen, ohne über die Tyrannei der pragmatischen Realitäten zu klagen, die einen, der durch ihre Mauern will, mit so viel Wucht auf sich selbst zurückwerfen kann, daß große Mengen Alkohol benötigt werden, um den Schmerz fernzuhalten. Getrunken hat er bereits seit seinem 15. Lebensjahr, getreu der Devise, daß Realität eine Halluzination ist, die durch Mangel an Alkohol entsteht. Mit 19 Jahren wollte er diese Welt schon einmal durch ein Hochhausfenster verlassen, indem er auf den Sims kletterte und eine Weile mit einem Buch in der Hand über der Tiefe schwankte. Es war ein ganz bestimmtes Buch, das sein Leben grundlegend verändern wollte, aber zum Glück für ihn und uns bemerkte er im buchstäblich letzten Augenblick, daß er die Veränderung selber in die Hand nehmen mußte. In der Folgezeit entfalteten sich seine verschiedenen Talente zu einer ersten großen Anzahl von Gedichten, die später nach dem Ende der DDR unter dem Titel „neunzehnhundertfünfundsechzig“ in einer bibliophilen Ausgabe erschienen. Er schrieb Theaterstücke, malte Bilder eines euphorischen Erschüttertseins vom Zustand des Menschen und war bei „Zinnober“, einer kleinen Schauspieltruppe, deren Aufführungen legendär wurden. Während der 90er Jahre pendelte er zwischen Montpellier und Berlin, verfaßte das Drehbuch für den Wilm Wenders Film „In weiter Ferne so nah“, veröffentlichte ein Langgedicht, zwei Bände mit Erzählungen, einen Roman sowie weitere Bände mit Gedichten und Theaterstücken. Eines davon, „Die Mandelbrotmenge“, inszenierte er in eigener Regie im Schillertheater, das Premierenpublikum war begeistert, doch die Rezensionen verrissen das Stück mit gespenstischer Einhelligkeit. Es lag nicht an ihm, er konnte das Publikum fesseln. Er verkörperte ohnehin jenen Typ, über dessen Fähigkeiten man früher gesagt hätte, daß sie von abendfüllender Qualität sind. Vielleicht legte er zu wenig Wert auf das, was man „die richtigen Verbindungen“ nennt. Mit Funktionsträgern konnte er nicht, dazu war er zu sehr er selbst, und das hieß auch fremd im eigenen Land. Das erste noch den DDR-Engen geschuldete Fernweh heilte eine Liebe in Südfrankreich. Außerdem muß er dort ein gedeihlicheres Klima für seine Ideen von persönlicher Freiheit und elementarem Dasein gefunden haben, mit denen er in Deutschland zumeist nur vor Türen mit genau geregelten Öffnungszeiten stand. Etwas an ihm ähnelte einem Weltbürger, etwas einem Clochard, etwas einem Märchenerzähler. Er war nicht von gestern, sondern sich im klaren über die Verdrängungen des modernen Fortschritts, unter denen er litt, ohne medienkonformer Amnesie oder der Sentimentalität des Verlierers anheimzufallen. Doch er glaubte an die Wahrheit der Märchen, und das ist so ziemlich das Gegenteil eines Glaubens an die Märchen der Wahrheit. In diesem Sinn enthalten seine Bücher märchenartige Konterbande, sei es als offenes oder verstecktes Motiv oder auch nur in Form des Tonfalls, der das Lesen einstimmt auf die Frequenz des schmerzlich Wundersamen, burlesk Wahrhaftigen, oder wie auch immer man das Plausible in Fantasiegestalt nennen mag. Seinem letzten Buch, dem dieses Jahr bei S.Fischer erschienenen Roman „Durchzug eines Regenbandes“ legte er dann auch noch einmal reale Märchen der Gebrüder Grimm zu Grunde. Die Schlüssel zum Glück seiner anarchischen Fabulierkraft und ausgefeilten Wortkunst sind alt, er war im Bund mit einer Gemeinschaft von Autoren magischer Texte, die über die Jahrhunderte verstreut ist. Am 23. Juli ist er gestorben, ihm blieb über Nacht das Herz stehen.

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