10. Über den Reim

(u.a.) sprach Jan Kuhlbrodt mit Volker Sielaff, dessen neuer Gedichtband Glossar des Prinzen im Frühjahr bei Luxbooks erscheinen wird.

Kuhlbnrodt: (…) Wir bräuchten ja keinen Reim, wenn er nicht auf seine Art eine Aussage formulierte. Insofern könnte man ihn auch als Ausweg bezeichnen, oder?

Sielaff: Ja, das ist schön ausgedrückt: Irritieren des Sinns. Der Reim hat ja auch, gegenüber dem freien Vers, das größere Potential zu täuschen, zu korrumpieren. Er ist ein Freund des Propagandistischen, das den Adressaten gefühlsmäßig zu korrumpieren versucht. Mit Floskeln, einer Art administrativen Hyperstil und eben – durch den Reim. Als Beispiel nenne ich „Das Lied von Stalin“ von Surkow, das übrigens von Heiner Müller ins Deutsche übersetzt wurde. Das ist natürlich genau das Gegenteil von dem, was du mit „Irritieren des Sinns“ meinst. Ich vermute, dass die Irritation beim Reim aus der Überraschung und aus dem Klangmaterial herrührt. Ich erinnere mich noch an meine helle Freude, als ich bei einer Lesung von Judith Zander in Helsinki vor einigen Wochen die Dichterin ihren Namen auf „selbander“ (dieses schöne alte Wort!) reimen hörte. Und nachgerade dem eigenen „inneren Sound“ abgelauscht scheinen mir viele Reime von Thomas Kunst, bei dem auch das Enjambement eine Rolle spielt. Kunst ist so einer, der mit der Sinnlichkeit des Reims im besten Sinne irritiert. Das sind Wege und Auswege gleichermaßen, insofern würde ich deine Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten.    / Signaturen

 

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