56. Heine luzide und opak

(…) das Lied der Maria aus Tschaikowskis „Mazeppa“. Der Stoff zu dieser Oper stammt von Lord Byron und Alexander Puschkin. Heine und diese beiden Poeten bilden ein Dreigestirn. In „Mazeppa“ geht es um ein Drama der Unversöhnlichkeit in der Ukraine. Ein dortiger Herrschersohn, zu Gast am polnischen Hof, verführt Frauen. Von deren Ehemännern wird er auf ein Pferd genagelt.

Das Pferd, zum Wahnsinn gebracht durch die Nägel, galoppiert mit dem nackten Prinzen zum Dnjepr und bricht dort tot zusammen. Der Prinz aber wird Hetman der Ukraine. Kaum an der Macht, überwirft er sich mit allen anderen und bringt einige davon um. Er verbündet sich mit dem Westen, mit der Armee des Schwedenkönigs Karl XII. In der Schlacht von Poltawa schlägt Zar Peter der Große beide aufs Haupt. Die einzige Frau, die Mazeppa wirklich liebte, verfällt dem Wahnsinn. Ihr Lied am Ende der Oper bleibt als Trost.

„Jede Zeit ist eine Sphinx,
die sich in den Abgrund stürzt,
sobald man ihr Rätsel gelöst hat.“

(Heinrich Heine)

Heinrich Heine ist luzide. Er ist Öffentlichkeitsmacher. Er ist publizistischer Architekt seiner Epoche. Er ist aber auch Dichter von Dunklem, verschlossenen Farben, verdichteter Erfahrung, die keine Marktgängigkeit besitzt und die notwendigerweise zur Orientierung unserer Seelen gehört. Das entspricht dem Begriff des Kritischen und der Romantik, einer kritischen Romantik. Heine ist angetan vom Fortschritt, von Revolution und Freiheit, von Industrie, Telegrafie und Eisenbahnen. Das, was Walter Benjamin in seinem Passagenwerk an Phänomenen aufführt, von Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts über den Bürgerkönig Louis Philippe bis zur frühen Fotografie, zu Eisen, Salon, Mode, Weltausstellung und der Utopie der „Quatre Mouvements“ des Charles Fourier, spiegelt auch die Lebenswelt Heinrich Heines.

/ Alexander Kluge, aus der Dankesrede zum Heinrich-Heine-Preis 2014, Süddeutsche Zeitung 15.12.

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