44. Souveräne Experimente

Poesiepreis der Stadt Münster an Charles Bernstein und zwei Übersetzerteams

Er selbst beschreibt seine Dichtung „als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen“: Der amerikanische Dichter Charles Bernstein wird für sein breitgefächertes und hochkomplexes Werk mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnet. Geehrt werden der gebürtige New Yorker und zwei voneinander getrennt arbeitende Übersetzerteams für die Bände „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (2014). Dies hat der Rat der Stadt am 10. Dezember auf Vorschlag einer Fachjury bestätigt.
Die Ehrung erfolgt am 10. Mai in Münster zum Abschluss des Internationalen Lyrikertreffens. Der Autor auf der einen und die Übersetzerteams auf der anderen Seite teilen sich die Preissumme von insgesamt 15 500 Euro.

Charles Bernstein (Jahrgang 1950) ist Dichter, Theoretiker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Der Harvard-Absolvent und Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania gilt als einflussreicher Mitbegründer und herausragender Vertreter der „language poetry“. Diese avantgardistische Strömung bildete sich aus der von Bernstein Ende der 1970er Jahre mit herausgegebenen Zeitschrift “L=A=N=G=U=A=G=E“ heraus, einem Forum kritisch-poetologischen Denkens und experimentellen Schreibens.

„Bernstein schlägt in seinen formal avancierten schwierigen und luziden poetischen Texten, die so souverän wie risikoreich mit den literarischen Formen und Genres experimentieren, die unterschiedlichsten Töne an“, urteilt die Jury. Die Poesie Bernsteins umfasse „intertextuelle Montagen, von Dada angeregte Lautgedichte, aleatorisch konzipierte Arbeiten, liedhaft komponierte Stücke, explizit gesellschaftskritische Verse und polemische Interventionen in den Literaturbetrieb“.

Digitale Lyrik

Zu den Buchveröffentlichungen des Amerikaners gehören „My Way: Speeches and Poems“ (1999), „With Strings: Poems“ (2001), „Girly Man“ (2006) und zuletzt der Gedichtband „All the Whiskey in Heaven“ (2011). Bereits Anfang der 1990er Jahre gründete Bernstein im World Wide Web ein Online-Portal für digitale Lyrik. Charles Bernstein, der in Philadelphia lebt, ist ernanntes Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“, eine der renommiertesten Gelehrtengesellschaften der USA.

Ohne begnadete Übersetzer ist internationale Poesie nicht möglich. Als preiswürdig erachtet die Jury zwei Bände, die Teile aus Bernsteins Werk in die deutsche Sprache übertrugen und dabei anstelle einer herkömmlichen exakten Reproduktion des Originalgedichtes andere Maßstäbe wählen, beispielsweise das Übersetzen auch als Um- und Weiterdichten verstehen. Der Auswahlband „Gedichte und Übersetzen“, erschienen im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen, wurde von der Gruppe „VERSATORIUM“ herausgegeben, einem Zusammenschluss junger Forscher und Übersetzer um den Dichter Peter Waterhouse. Zugleich geht Münsters Poesiepreis an das Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler für ihre Leistung in dem zweisprachigen Band „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (Luxbooks, Wiesbaden).

Schwierige Gedichte? Es ist Charles Bernstein selbst, der Mut macht, sie zu lesen: „Lassen Sie sich nicht von dem Gedicht einschüchtern!“ Das schwierige Gedicht wolle häufig provozieren und das sei nur ein Versuch, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bernstein: „Manchmal verhält es sich so, dass das provokante Verhalten ein Ende nimmt, sobald Sie dem Gedicht Ihre volle Aufmerksamkeit schenken (….)“.

Die Stadt Münster vergibt den Poesiepreis für einen Lyrikband und dessen eigenständige und adäquate Übersetzung seit 1993 im Biennale-Rhythmus. Nominiert werden die Preisträger von einer externen Jury. Ihre Mitglieder sind Lyriker und Literaturkritiker Urs Allemann, Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Literaturkritiker, Autor und Herausgeber Johann P. Tammen und Literaturkritiker und Herausgeber Norbert Wehr sowie mit beratender Stimme Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. 2011 wurde aus der bis dahin auf Europa konzentrierten Auszeichnung der Preis für Internationale Poesie. Preisträger 2013 waren der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels.

CHARLES BERNSTEIN
Foto: Presseamt Münster

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