12. Ärgert euch!

Mara Genschel auf lyrikkritik.de:

Noch einmal zum Wettbewerb

Der folgende Text will sich nicht als hyperaktives Nachtreten gegen Björn Kuhligks längst abgebautes Rednerpult verstanden wissen. Ich will darin aber die mich noch immer sehr störenden Stichpunkte aus seiner diesjährigen open-mike-Rede zum Anlass nehmen, Kritik zu formulieren an einer längst mehr als nur seine Generation definierende Jetzt-Instanz: die Auffassung von der kleinlauten Rolle des Autors, der sich mit seinen Arbeitsbedingungen sauber arrangiert.

Findet einen Job, der Euch finanziell absichert, verdient auf anderen Gebieten.
Vielleicht würde die Zahl der Arbeitslosen erschütternd schrumpfen, wenn man diesen Merksatz im Eingangsbereich aller Jobcenter ausrollen würde. Vielleicht hält ja auch jemand den Autor am Ende für gerissener als dessen nichtschreibende Mitbewerber. Für geschickter als den Studenten hinter der Theke oder leidensfähiger als die Schleckerfrau, die jetzt working poor ist. Er ist es nicht. Der Autor, der gezwungen ist, sich langfristig auf diese Weise „abzusichern“ wird aufhören zu schreiben und somit Autor zu sein.
Wenn aber dieser Job nicht gemeint sein kann, welcher ist es dann? Reicht meine Fantasie nur nicht aus? Wo gibt es die Zeitungen mit den nennenswerten Honoraren für freie Mitarbeiter, die großen Aufträge fürs Radio, den stabilen Mittelbau an der Universität? Und wenn es diesen Job, der finanziell absichert und dabei Zeit für andere Arbeit lässt, wirklich gäbe: hätten nicht tausende Nichtautoren einen mindestens gleichwertigen Anspruch darauf und wirft das nicht ohnehin ein interessantes Licht auf die Definitionsmöglichkeiten von Arbeit, wenn schon der arbeitende Autor keinen laut Definition eigentlichen Beruf ausübt?
Wenn wir ehrlich sind, ist dieser mysteriöse Job eine Fata Morgana. Jeder kennt irgendjemanden, der jemand kennt, bei dem es so klappt. Ich auch. Daher lassen sich alle, die ihn nicht haben, immer noch so einwandfrei unter Druck setzen. Die unverdrossen heruntergebetete Behauptung, der Autor könne sich, wenn er nur wollte!, ebensogut alternativ absichern, ist aber längst so kitschig und verzerrend wie das Fleißbild des Poeten, der produktiv ist weil er hungert.

Seid eigenständig, bleibt eigenständig, seid beweglich, holt Euch Hilfe / Alles, nur kein Unternehmer?
So betitelt die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ein hochwertig produziertes Magazin, das Künstlern ohne ausreichend Einkommen Geschmack auf ein profitorientierteres Denken zu machen sich bemüht. Das ist lieb. Und ein bisschen auch plausibel, einlullend wie das Gespräch mit der Oma, die sich Sorgen macht. Beratungsstellen, Checklisten, Tipps und Tricks für die Akquise, der Rest ist Propaganda.
Alle Probleme, so liest sich tröstlich der Tenor, seien letztendlich lösbar, wenn nur die (verdammte) Schranke im Selbstverständnis des Künstlers eingerissen und er irgendwann bereit sei, sich auch als Unternehmer zu verstehen. Fast diskriminierend könnte man die Wortwahl finden, mit der dem unverständigen Schöngeist neckisch der Mangel an kühlem Kopf und klaren Zahlen attestiert wird: „Viele Kreative übersehen allzu leicht, dass dauerhafter Erfolg nicht vom Himmel fällt, sondern immer auch eine gute Portion unternehmerisches Know-How und Geschick dahinter steckt. […]
Dort aber, wo der Kommerz beginnt, hören für einige Kultur- und Kreativschaffende die Kreativität und der Spaß (sic!) auf. Die Vorstellung, nicht allein als kreativ denkender und schaffender Mensch, sondern auch als geschäftstüchtiger und kühler Rechner auftreten zu müssen, stößt bei ihnen auf wenig Gegenliebe.“ Ts, so sind sie, die Tagträumer. Dass die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien unter dem Schirm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie diese Anregungen auch im Hinblick darauf geben, dass „das Kultur- und Kreativgeschehen vor Ort“ ein „über die beachtliche eigene Bruttowertschöpfung hinaus wichtiger Standortfaktor für Unternehmensansiedlungen und Personalakquise“ ist, und „Kultur- und Künstlerförderung damit auch ein entscheidenes Element der Wirtschaftsförderung“ werden, macht, zumindest so lang einen das Thema Mietervertreibung nicht weiter empört, erst mal Sinn. Dass es aber seit jeher die Aufgabe von Kunst gewesen sein könnte, ebensolche oder ähnliche Mechanismen auseinanderzuschrauben, wird resolut unterschlagen. Denen, die sich dem unternehmerischen Geist verweigern, droht sie mit dem sicheren Schiffbruch in Angst und Verderben, den Tränen nämlich unzähliger, arbeitsloser Clowns.

Schreibt, was Ihr schreiben wollt. / Das verführerische Antlitz der Projektförderung
Es ist doch längst ausgeplaudert, das vermeintlich Geheime: die wahren Künstler sind heute die erfolgreichsten Antragsteller. Will die Autorin ihre Leser mit verbundenen Augen durch die Stadt führen, um die Rezeption ihrer Kurzprosa zu intensivieren, will sie mit poetischen Worten das innerste des ihr in einer Einzelsitzung zugeteilten Kopfs massieren, will sie wirklich eigens einen Text schreiben, um diesen mit den grünen Mustern einer Videoinstallation wirkungsvoll kurzzuschließen, will sie in der Laubenklause sitzen, will sie dabei einen Zyklus über die Region verfassen? Sie tut es zumindest, sie behauptet auf die Anfrage sogar, das Projekt „klinge sehr spannend“. Dass sie dafür nur einen Bruchteil der ihren eigentlichen Werken (Familienroman, Sonettenkranz, Referenzfläche etc.) vorbehaltenen Arbeitszeit aufbringt, und durch das schnell verdiente Geld Erleichterung erfährt, wag ich mehr als zu bezweifeln. Im Gegenteil ist die bewilligte Summe nachzuweisendermaßen nicht für den Hausgebrauch der Autorin bestimmt, sondern für das, was sie im jeweils geförderten Projekt nachzuweisendermaßen zeit- und konzeptaufwendig zustande bringt. Das Prinzip klingt logisch und gerecht. Dass es ein fortwährend sich reproduzierendes Gefälligkeitsgeschwür hervorbringt, dass das Festhalten an künstlerischen Vorgaben, an vorfixierten Resultaten einem ernstgemeinten Förderanliegen völlig widerspricht, wird nicht mal verschwiegen, es ist irrelevant. Totale künstlerische Kompetenzanmaßung da, wo der Fördertopf steht – während der Autorin noch die Kompetenz überhaupt darüber nachzudenken, was sie eigentlich schreiben müsste, faktisch abgesprochen wird. Natürlich ist sie frei, sich hinzusetzen und nachzudenken, so lang sie will. Nur wird ihr diese Arbeit, die ihre eigentliche ist, natürlich nicht vergütet. Und selbst wenn sie nun beschließt, den Auftrag den sie annimmt, in eine Kritik am Auftrag umzufunktionieren: wie produktiv kann eine solche Kritik im klein-kleinen auf Dauer sein? Wäre das nicht eher eine traurige Anpassung ex negativo?

Bildet Banden!
Durch diesen Schriftzug flackert der film noir, und klar liest der sich sexy. „Bildet Label!“ wäre ein weniger anrüchiges, dafür pragmatischeres Pendant. Wieviel revolutionäres Potential hat denn eine Bande, die sich an die anderen der gegebenen Ratschläge hält? Auch das gepuderte Antlitz der Kulturvermittlung mag gefährliche Namen, das macht alles so schade. Was ist noch ernstgemeinter Arbeitstitel, was schon publikumswirksame Koketterie? Nur ein beherztes „Organisiert euch zu Banküberfällen!“ würde noch weniger Hehl aus seiner Halbgemeintheit machen. Dabei ließen sich kriminelle Strukturen für die Organisation von mittellosen Autoren zumindest auf ihren Modellcharakter hin ernsthaft prüfen! Aber ist das gemeint? Was will ein Umgang mit Reizwörtern, die weder buchstäblich, noch kritisch, noch ironisch Effekte erzielen? Werbung.

Macht aufmerksam auf Euch! / Das glühende Antlitz der Kulturvermittlung
Dass junge Autoren das immer doller können wollen sollen: zeigen, warum man ihr Zeug wollen soll! Dass überhaupt stillschweigend das Einverständnis vorausgesetzt wird, es werde an einem Produkt herumgewerkt! Was, wenn der Autor nur einen Prozess im Angebot hat? Wieso ist die Autorin eines größeren Verlages durch diesen überhaupt angehalten, für ein Produkt zu werben? Beziehungsweise: wieso lässt sie sich durchs Lesehonorar dazu verführen? Oder wird sie erpresst? Glaubt die Autorin außerdem wirklich, sie könne durch isoliert verlesene Bonmots die gesellschaftliche Veränderung mitbewirken, von der sie vorgibt zu schwärmen? Wie einer von Walter Benjamins revolutionären Routiniers, die „einen Produktionsapparat beliefern ohne ihn – nach Maßgabe des Möglichen – zu verändern“, mit keiner anderen gesellschaftlichen Funktion, „als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen“. Dem Autor, der sich öffentlich, ein bisschen Advocatus Diaboli-mäßig grinsend, fragt: „Was ist heute die gute Sache, für die wir schreiben sollen?“ ließe sich entsprechend folgendes erwidern: hättest du nur irgendein Interesse daran, die Bedingungen in und unter denen du überhaupt Autor zu sein glaubst, offenzulegen, alles würde sehr viel schneller politisch, als es den Gästen auf deinem Podium lieb sein kann. Ich behaupte, seine Scheu das zu tun, ist so groß, weil die Mechanismen für schriftstellerischen Erfolg und damit auch die Legitimation seiner Arbeit, noch nie so scheinbar zuverlässig und „gerecht“ gegriffen haben, wie in unserem heutigen, florierenden Fördersystem. Unzufriedenheit zu äußern, oder überhaupt zu empfinden, kommt der Einsicht ins partielle Scheitern gleich. Gewinn oder halt die Klappe.

Eure Texte haben sich gegenüber 600 anderen durchgesetzt. / Gütiges Antlitz, o Legitimation
Der wohl perfideste Effekt und auch Anlass all dieser Anpassungsanstrengungen der Autorin an den Markt, verdankt sich einem interessanterweise überhaupt nicht ökonomisch begründeten, sondern wehmütigen, nebligen, eigentlich mystischen Denken ihres Lesers, nennen wir ihn Gesellschaft. Die Autorin würde sich nämlich niemals Autorin nennen dürfen, es sich auch, ganz bestimmt nicht!, trauen, wenn sie sich nicht entsprechend ausweisen könnte. Dummerweise hat die Gesellschaft eben selten ein Karteikästchen zur Hand, aus dem sie die Kriterien für die Autorenexistenz, (die nur dann ihren wehmütigen, nebligen und mystischen Ansprüchen gerecht wird, wenn sie „echt“ ist), ablesen könnte. Wo die Gesellschaft aber marktwirtschaftlich funktioniert, falten sich alle unbekannten Kriterien kinderleicht ins Wohlvertraute: die Autorin kann von ihrem Schreiben leben? Dann muss sie echt sein. (Und klar, weil, würde man konsequent nach diesem Prinzip verfahren, im deutschsprachigen Raum nur eine handvoll Standesamt-, Bestattungs- und Schulbuchpoeten als echt definiert werden könnten, zählen bei den Lyrikern auch eventuelle Preise mit Blumensträußen dazu (Obacht: nicht in Sachen KSK!)).
Wo sich das kulturelle Denken in der Gesellschaft so weit liberalisiert hat, dass Autoren und Künstler nicht mehr unter einer Art moralischem Generalverdacht stehen, stehen sie plötzlich in einer seltsamen Bringschuld. Der Autor muss sich als „echter“ Autor legitimieren. Die wenigsten haben die Kaltschnäuzigkeit, sich selber auszuzeichnen (und für das Zögern gibt es ja auch ein paar sensible Argumente), sie benötigen also irgendein OK durch ein Selektionsverfahren von außen. Was läge nun näher, als die moralische Zuwendung („Du bist gut!“, „Schreib weiter!“) mit der finanziellen („Aber nicht alles auf einmal ausgeben!“) zu verbinden? Die Verschmelzung zeigt sich noch deutlicher in den drei-Fragen-Interviews, die sich nach einer Preisverleihung überall gleich ausnehmen: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Meier!“ „Danke!“ „Wie fühlen Sie sich?“ „Einfach toll, ich bin total überrascht!“ „Was machen Sie mit dem Preisgeld?“ „Ach, davon werde ich erst einmal eine Weile leben um in Ruhe an meinem nächsten Projekt weiterarbeiten zu können. Ohne mir andauernd finanzielle Sorgen machen zu müssen!“. Frau Meier hat damit den moralischen Test bestanden, der ein Bullshit-Test ist und zu nichts anderem da, als das Gewissen ihres Lesers, der die Gesellschaft ist, zu beruhigen: unsre Besten kommen schon irgendwie durch. Das ist nun nicht Frau Meiers Schuld. Nur fügt sie sich, durch ihre Teilnahme wie auch durch ihre, sogar sicher absolut ehrliche! Antwort, mit Haut und Haar in das Gewinnspiel ein. Im Sport, vor allem dessen Nischen, muss es ähnlich gnadenlos zugehen. Wird nur gefördert, was sich an der Spitze behaupten kann, haben Underdogs, von legendären Ausnahmen abgesehen, kaum eine Chance sich zu entwickeln. Aber das Schreiben, verdammt, ist kein Sport! Es gibt keine Kriterien. Die Werte basieren, wie andernorts auch, auf bloßer Spekulation.
Deshalb, liebe Autorinnen und Autoren, liebe in der Vorrunde Ausgeschiedene, liebe Teil- und Nichtteilnehmer: macht doch die Gremien arbeitslos, macht doch das Kulturmanagement arbeitslos, die Agenten, die Juroren, die Verleger, die Vermittler, macht die erst alle arbeitslos bevor ihr euch sagen lasst, eure Arbeit sei es nicht wert.

Bisher

  • JUROR BJÖRN KUHLIGK AN DIE AUTORINNEN UND AUTOREN openmike der blog 10.11.
  • Mara Genschel: An die Anderen
    (ein Aufruf gegen den open-mike-Appell von Björn Kuhligk) lyrikkritik.de

3 Comments on “12. Ärgert euch!

  1. Entsolidarierung im (prekären) Künstlermilieu in Zeiten der Marktwirtschaft bringt Mara doch präzis auf den Punkt. Dass Künstler dieses Szenario hinnehmen und mitgestaltend zum Inseldasein einladen („Bildet Banden!“) ist nicht prima, sondern in seiner Wurstigkeit und Feistigkeit ein Ärgernis.

    Unversöhnlichkeit ist eine Tugend, die aberzogen wird. Da bleibt am Ende nur, als ihr Stumpf, das kleine bisschen kesse Renitenz, die zu Markte getragen werden kann und dies auch wird; sei es als touretteske Graphomanie in der sg. sozialen Medien oder als panisch plagiierende Suche (bürgerlich bleiben wollender Bürgerkinder) nach Alleinstellungsmerkmalen im Zeichen der Aufmerksamkeitsökonomie. Passen Visage und Biographie zum Text, gehts ein Stockwerk höher im Turm, das ist der Regelfall und alibihaft, wenn es mal nicht genauso läuft/fährt.

    Gewisse „Ättitjuds“ passen nicht ins Bild, Sittengemälde. Genau die werden aber bitter nötig sein, sonst bleibt die Gesellschaft – all along the watchtower – formiert.

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