11. Mixed Munich Arts

Das Heizungsgebläse nervte Clemens Meyer ziemlich. Denn er schätzt Andreas Reimann sehr, den Dichter, der an diesem sechsten Abend des forum:autoren in der Kesselhalle des „Mixed Munich Arts“ als Erster las. Als die Blätter des Leipziger Dichters vom Tisch flogen und der Wind seine weißen Haare zauste, wünschte sich Meyer, bewaffnet zu sein, sehnte sich nach einer Panzerfaust, um die Lüftung ausschalten zu können.

Das klappte dann auch ohne Waffeneinsatz, aber trotzdem kam das Gespräch nur zäh in Gang, weil es Meyer nicht gelingen wollte, seinem „Lieblingsdichter“ gegenüber den richtigen Ton zu finden. Der wollte weder über seine Jahre im Gefängnis noch über sein bis zur Wende anhaltendes Schreibverbot reden. So fürchterlich habe er die Zensur in seinem Fall nicht gefunden, wies er Meyer zurück. Er habe immer geschrieben, weshalb er sich – im Gegensatz zu anderen – auch nach der Wende nicht zwei Jahre habe hinsetzen müssen, um die Gedichte zu verfassen, die dann angeblich schon vor der Wende entstanden seien. Meyers pathetischen Ausruf „Warum kommen wir bloß nicht weg von Leipzig“ konterte er mit einem erstaunten Blick und einem schlichten „Ich fahre übermorgen nach Zypern.“ Dann las er seine feinen, unaufgeregten Gedichte. Kein Geraune, keine Belanglosigkeiten, kunstvoll in ihrer Form, oft mit subtilem Witz und viel Selbstironie. Einfach grandios. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung 27.11.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: