87. Der arme Spitzel

Moral ist keine Privatsache. Vor allem dann nicht, wenn es um den Umgang mit mutmaßlichen Spitzeln und Denunzianten in einem totalitären Regime geht. Das stellte die Autorin Sabina Kienlechner in ihrem Aufsatz „Der arme Spitzel. Die rumäniendeutschen Schriftsteller und das juristische Debakel der Securitate-Aufarbeitung“ fest, der im März 2014 in der Zeitschrift Sinn und Form erschien. Nun scheint es, als sei die Literaturwissenschaftlerin selbst Opfer ähnlicher Verschleierungsmethoden geworden, wie sie sie in ihrem Essay aufdeckt und beklagt.

Die Gerichte, so Kienlechners These, würden in ihren Urteilen dem Persönlichkeitsschutz der Täter meist größeres Gewicht einräumen als der Aufarbeitung und Wahrheitsfindung auf Seiten der Opfer. Der scharfsichtige Text war im Sommer durch eine einstweilige Verfügung gerichtlich verboten worden. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Claus Stephani, der von Kienlechner in ihrem Essay als „mutmaßlicher Spitzel“ bezeichnet wurde, sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt. (…)

Das zähe Ringen um einzelne Formulierungen hat nun ein vorläufiges Ende: Die drei beanstandeten Stellen des Aufsatzes, die einer Neuauflage entgegenstanden, wurden nun gerichtlich festgelegt. Ein Teilerfolg, findet Weichelt, der für die Zeitschrift zumindest die Möglichkeit bietet, den Essay wieder zu veröffentlichen, indem die betreffenden Formulierungen, gegen die Stephani klagte, geschwärzt werden. Weichelt will dies in jedem Fall für die Öffentlichkeit transparent machen und einen wissenschaftlichen Diskurs fördern.

Auch die Autorin betont: „Diese Debatte gehört in die Öffentlichkeit und nicht vor Gericht.“ Das eigentlich Brisante an diesem Fall sei die Tatsache, dass die Gegenseite mit allen Mitteln versuche, jegliche öffentliche Auseinandersetzung zu blockieren, erklärt der Chefredakteur: „Eigentlich geht es Stephani nicht um seinen Ruf, sondern darum, eine mögliche Aufarbeitung der rumäniendeutschen Spitzel-Vergangenheit zu verhindern.“ / Anna Steinbauer, Süddeutsche Zeitung 21.10.

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