22. „Nicht Gedicht, sondern Krallenspur“

Klaus-Jürgen Liedtke ist als Herausgeber und Übersetzer einmal quer durch die Werke von fünf finnlandschwedischen Autoren gegangen und hat eine Handvoll schöner Auswahlbände zusammengestellt. Entdecken lassen sich fünf Stimmen, die in ihren Gedichten alle Grenzen sprengen, alle Sprachschichten mischen wollten. Wenn man bedenkt, wie sehr die deutschsprachigen Expressionisten – etwa Georg Heym oder Jakob van Hoddis – noch an traditionellen Vorstellungen von Versmaß und Reim hingen, mag man ermessen, wie revolutionär hoch oben im Norden gedichtet wurde.

Elmer Diktonius mit seinen „harten Gesängen“, Gunnar Björling mit seinen flutenden Langzeilen – oder eben: Edith Södergran selbst. Wer sie nur als Künderin des Einfachen oder als melancholischen Trauervogel kannte, der von Fremdheit und Einsamkeit tönt, kann sie nun als glühenden Stern erleben, als Dichterin, die vom „wilden Blut der Zukunft“ singt. Die sich, in Anlehnung an Nietzsche, selbst neu schaffen und die Vergangenheit stürzen will, von „Fetzen, Brocken“ und „Alltagsschnipseln“ träumt, wahlweise als „Gottheit“ oder „Adler“. Jedes Gedicht „sei das Zerreißen eines Gedichts, / nicht Gedicht, sondern Krallenspur“, schreibt sie. Und: „Meine Fackeln will ich entzünden über der Erde“, „hin zu anderen maßlosen Herzen“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 7.10.

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