13. Postmoderner Hymnus

Majakowski sang den Staat (UDSSR), Führer (Lenin), die Partei (KPdSU) und den Kommunismus an, er war stolz auf seine „parteigetreuen Bücher“(Rühle, S. 50).

Inhaltlich versucht Preckwitz in seinem postmoderner Hymnus „Kampfansage“ zwar genau das Gegenteil und wütet gegen den ihn betreffenden Staat wie gegen das ihn betreffende Europa, doch erstarrt,- eben anders als bei Majakowski – sein Gedicht, wie auch schon von Burkhard Müller in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 29. Januar 2013 kritisiert, in einem bloßen Gewimmel von Substantiven.

Zitat:

„Der Staat 
          steckt nicht in der Krise
                                   der Staat ist die Krise.
So auch ist: die Krise System
                              Und also: System das Feindesland.
Denn: Kapitalismus ist Krieg,
                             der an Verarmenden verübt wird."
 

Preckwitz rät folgend mit Lenin und Thoreau:

Was tun?
Laß dein Leben
              der Reibstoff sein,
                                 der die Maschine zum Stehen bringt.

(Preckwitz, S. 27)

Die Postmoderne greift auf ihre Meister zurück und schießt mit Vorwürfe wie am Stammtisch (inklusive Wortungetüme wie „Wahlmonegassen“): gegen die Bundesrepublik („der Staat ist die Krise“) oder Griechenland („Fäkalistan“) und all die Staatsdiener („das große Geprasse“) und ganz beiläufig werden als Gegenmaßnahme „Leninisten mit Knarren“ (sic) heraufbeschworen. Doch weist der Autor Wege wirklich aus der Misere? Eigentlich nicht. Muss er auch nicht.

Dafür schrappt Preckwitz hart am Ultranationalismus vorbei, wenn es heißt „Nicht Staat ist mir Heimat, / Heimat ist mir mein Land, /…/ Deutschland /…/ : Heimstatt / : Herzland.“ Simpler, abseits  des künstlerischen Anspruchs, heißt das bei Rechtsextremen:“Ich hasse den Staat, / aber ich liebe mein Land“.

Auch der „Rechtsraum des Aufstandes“ im Gedicht „Euroskepsis“ anerkennt nichts, was der Europäischen Union („Brüsseler Byzantinismus“) zu Gute gehalten werden könnte, stattdessen „im luftschloß zu brüssel“ der „zwangsstaat“, wo die „kader … schmarotzen“.

Dennoch: Preckwitz lässt Dampf ab, das ist sein Recht, dabei schaut er dem sogenannten Wutbürger aufs Maul und versammelt und collagiert dessen Vorwürfe auf dem uneinnehmbaren Platz des Gedichts. / Axel Reitel, Weltexpress

Boris Preckwitz. Kampfansage. Gedichte und Essays. 71 Seiten. Lyrik Edition 2000. Herausgegeben von Florian Voß.

2 Comments on “13. Postmoderner Hymnus

  1. … […] … „in seinem postmoderner Hymnus … […] … und schießt mit Vorwürfe wie am Stammtisch.“ Hm. In einem großen, großen Aufsatz – vielleicht in der Südddeutschen, oder in der FAZ – zu gerade im CERN entdeckten Hicks-Bosom-Teilchen (oder wie die halt heißen, Aufschluchzen in der Brust oder so ähnlich) und wie man/frau/teilchen über die unfassbare leere in oder zwischen den teilchen irgendwie von hinten wieder zu Gott kommen könnte, wie bei Kleist im Marionettentheater – also in besagtem großen Aufsatz ist mir auch zuerst ein kleines, kleines Fehlerchen aufgefallen. Sonst bin ich nie so buchstabenscharf. Schreibt man das übrigens groß oder klein, und ist das postmodern? Meine eigenen Fehler oder die meiner Redakteure sehe ich nicht, das macht meine Frau, wenn ich Gluck habe. Debatte ist gut. Wenn niemand ins Lager geschickt wird, oder erschossen. Debatte ist gut, gegen das „ausblenden“, wie Jan Kuhlbrodt (kuler Name, hätte ich auch gern) sagt. Majakowski und Mandelstam waren beide leidenschaftliche Kommunisten. Auch Mandelstam, bis zum Ende im Lager. Preckwitz habe ich nicht gekannt. Der kleine zitierte Ausschnitt ist gar nicht so schlecht, finde ich. Vielleicht schaue ich mal bei Gelegenheit tiefer rein, nach diesem Ausschnitt. Majakowski-Debatte? Bei Majakowski ist mir auch eher und zuerst das leidenschaftlich Virtuose im Gedächtnis, das Fahrrad auf der Nase (Brille) und das Mitleiden (Pferd). Johannes R. Becher war unsäglich – „Zertrümmert westliche Demokratien“ (oder war das kleingeschrieben?), das ganze Gedicht, und ähnliche, und auch das „ich übe mich“ aus seinem berühmtesten frühen Gedicht wirkt dann sehr schnell eher nicht, höchstens als Hybris. Jandl hat Becher als Einfluss genannt, zusammen mit August Stramm etwa, also kann man/frau/teilchen vielleicht auch Becher wie Majakowski bewundern. Ist Preckwitz so leidenschaftlich virtuos wie Majakowski, nicht nur bei der Politik? Muss mal tiefer hineinsehen, nach diesem Ausschnitt. Eines noch: Celan hat viele naturwissenschaftlich-technische Wörter und Wendungen gebraucht. Barocke Dichter hatten viele Neologismen, in mehreren Sprachen. Artmann und Pastior fallen mir ein, beide sehr virtuos, auch zusammen beim renga mit Japanern etwa. Pastior hatte eine ganz andere Biographie als Artmann. Pastior arbeitete mit der Securitate zusammen. Artmann hat eher verheimlicht, das er aus der Wehrmacht desertierte. Robert Schindel hat ihm vorgeworfen, dass er davor vielleicht in der Hitlerjugend war, ich weiß nicht, ob etwas dran war. Debatten sind wichtig. Wer modern tut und wer nicht modert, sondern postet, mag jede/r jedesmal selbst bestimmen. Oder was meint Ihr?

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  2. wäre mal ne gelegenheit, eine majakowskidebatte anzustoßen, zumal mir die eingangs zitierten sätze ein wenig sauer aufstoßen, ok zitat. verkürzt usw. und natürlich kann man dem dichter seine verflechtung ankreiden, aber wer von uns ist nicht verflochten. und am meisten zappelt der noch im netz, der sich für einen radikalen individualisten hält. jedenfalls hab ich mir gerade die von thomas brasch besorgte majakowskiauswahl „her mit dem schönen leben“ aus dem regal gezogen. und natürlich entwirft brasch damit seinen majakowski. und das ist eben nicht nur jener, der lenin ansang. (auch, es wäre falsch das auszublenden. überhaupt irrtümer. fehleinschätzungen usw.) doch sein programm ist vorrangig dichterisch.

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