14. Russisch – jüdisch – ukrainisch

Das friedliche Leben in Odessa ist vorbei. Im ehemaligen Parteigebäude der KP sind mindestens vierzig Menschen umgekommen. Erschossen, erstickt, oder verbrannt.“ Für den Schriftsteller und Psychiater Boris Chersonskij ist der 2. Mai 2014 der düsterste Tag in der Geschichte Odessas seit dem Zweiten Weltkrieg. „Dabei dachten wir immer, Odessa sei anders – weltoffen und europäisch.“ Das Gemetzel zwischen Majdan-Aktivisten und Russland-Befürwortern, mit dem alles begann, spielte sich direkt vor seiner Wohnung auf dem Preobraschenkij-Platz im Zentrum von Odessa ab.

Chersonskij bezweifelt, dass der Tod der Demonstranten je aufgeklärt werde, mit Blick auf seine im Vorjahr erschienenenAufzeichnungen eines Psychiaters fügt er hinzu: „Ich habe in 40 Jahren psychiatrischer Praxis nichts erlebt, was der Hysterie seit Beginn des ukrainisch-russischen Konflikts gleichkäme!“ (…)

Die soeben noch bildungsbürgerlichen Interieurs in Odessa werden vom Bürgerkrieg hinweggefegt, auf den Terror der Kommunisten folgt jener der Nazis. Chersonskij bleibt in der Schilderung düsterster Tragödien wie absurder Zufälle gleichermaßen lakonisch, wenn es heißt: „Einmal rettete Jakow die Familie / weil er sich 1941 nicht / an die amtliche Verordnung hielt, / der zufolge Radioempfänger / abgegeben werden mussten (…) Sie erwarteten die Deutschen / als Befreier vom Bolschewismus. / Die Sendung des deutschen Radios / über das Weltjudentum / änderte ihre Pläne. / Die Flucht war überstürzt / und deshalb erfolgreich.“ (…)

Fragen der Identität, die bekanntlich nie einen Abschluss finden, haben für den russisch-jüdisch-ukrainischen Schriftsteller durch die jüngsten Ereignisse in der Ukraine auf unangenehme Weise an Aktualität gewonnen. Als das russische PEN-Zentrum Chersonskij kürzlich die Mitgliedschaft anbot, reagierten Moskauer „Patrioten“ empört und beschimpften diesen wegen dessen dezidierter Pro-Majdan-Haltung als „jüdischen Faschisten“. Der reagiert gelassen: „Ich denke, spreche und schreibe Russisch, aber ich bin weder Leibeigener der russischen Sprache noch deren Sklave. Und was soll ich zum jüdischen Faschisten sagen?“ / Erich Klein, Der Standard

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: