78. Poeticon

Volkmar Mühleis sprach für DLF-Büchermarkt mit Verleger, Herausgeber und Autoren der Edition Poeticon.

2 Auszüge:

Frank: „Also die Reihe ist so konzipiert, dass sie irgendwann eine Art Sammellexikon sein soll, von Begriffen, die in essayistischer Form von Lyrikern und Lyrikerinnen reflektiert werden. Also da geht es aber erst mal um die Form des Essays und nicht unbedingt um die Lyrik. (…) Wir gehen sozusagen davon aus, dass die Lyrik eine deutliche Beziehung zu solchen Begriffen hat, nicht nur über Subjekte. Und dass wir unsere Lyrikerinnen und Lyriker fragen diese Begriffe zu beschreiben, in einem essayistischen Format, um verschiedene Positionen einzunehmen, aber auch Positionen zu beziehen. Dass reine Positionen einnehmen ist ja eine Übung, die auch schnell langweilig werden kann, und für den Leser auch wenig erquicklich irgendwann wird.“

Mühleis: Es geht um nichts weniger als einen Ausweg aus der postmodernen Unverbindlichkeit, mit ihrem Erbe. Das ist der Zwiespalt für jeden Neuanfang: Es gibt kein Zurück, aber nach vorne geht es nur über das Alte hinaus. Was bedeutet also das Lyrische Ich im Diskurs? Oder eine Sprache jenseits davon? Swantje Lichtenstein präsentiert hierzu eine Passage aus ihrem Essay Geschlecht:

Lichtenstein: „Das Gedicht hat eine gute Figur. Kein Gramm zu viel, bricht nicht, ist kompakt und doch kräftig. Vielgestaltig in der Handhabung (nicht -gebung, eher nehmend). Das Manuskript steckt in der künstlichen Hüfte (Knie) fest und verdingt sich zwischenzeitig als Gürtelrose. Die blüht. Verblüht. Ist Dorn. Erwartet nichts, weiß aber. Möchte das Herz essen. Vom Gedicht. An den Knotenpunkten ist es etwas paradox. Doch Text. Von ganz nah. Ich möchte das nicht. Ich möchte das nicht aushalten müssen. Ich möchte nicht in etwas hinein hören, das ich mir nicht ausgesucht habe. Möchte nicht einen anderen Körper mithören. Mitklingen lassen. Möchte mit dem Ich ein bisschen herumzaudern und es nicht gegen ein anderes mit all diesen Subjektansprüchen abgleichen. Von mir zu dir und wieder zurück. Dann also Ruhe. Mit dem Gedicht.“

(…)

Mühleis: Einerseits richten sich die Autoren gegen die Verengung von Literatur auf die Künstlerbiografie, zum Beispiel im Deutschunterricht an den Schulen, andererseits sprechen sie sich für das Lehren des Schreibens an Literaturakademien aus. Um den letzten Punkt hat nicht zuletzt Florian Kessler eine Debatte entfacht, mit seiner erfrischenden Polemik Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!, erschienen in der Zeit, über ein konformistisches und saturiertes Bild von Literatur, das gerade die Bücher diplomierter Hochschulautoren abgeben würden. Als Dozent am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig sieht Bertram Reinecke das durchaus anders. Zum Vergleich von Deutschunterricht und Literaturstudium meint er mit Blick auf sein Buch Gruppendynamik:

Reinecke: „Es ist ein deutliches Plädoyer für Literaturhochschulen. Der Unterschied zum Deutschunterricht ist erstens, alle Leute sind freiwillig da, und es müsste im Prinzip – jedenfalls, wenn man es geschickt einrichtet –, es müsste nichts zensiert werden. Denn ganz viele Verschiebungen in der Vermittlung geschehen dadurch, dass der Deutschlehrer auch irgendwas prüfen muss. Also das ganze Verstehen wird dermaßen überschätzt, weil der Deutschlehrer abfragen muss, ob in irgendeiner Form, (…) ob die Kinder was verstanden haben und irgendwo werten muss. Und dadurch kommt einfach ein völlig falscher Fokus auf die Literatur zustande, und das muss nicht sein, wenn man das an der Hochschule treibt.“

Swantje Lichtenstein meint dazu:

Lichtenstein: „Wenn ich in Mexiko bin oder in Armenien oder in der Türkei, dann sind das auch Lyriker, die Literatur unterrichten, das ist ja nicht nur im angelsächsischen Bereich, aber da (sind) natürlich die Hochschulen an denen überhaupt Schreibkurse oder Schreiben als Studiengänge eingeführt (sind) viel umfangreicher, und eben nicht Literaturwissenschaft, sondern eben auch Schreiben mit einem Master of Fine Arts, muss man auch noch mal sagen. Also im Unterschied zu Deutschland sind das ja auch Kunsthochschulen, an denen gemeinsam künstlerische Fächer und eben auch Schreiben unterrichtet wird. Das haben wir ja eben auch nicht, in der Form, außer eben in Leipzig, in Hildesheim ist es vom Abschluss schon wieder anders, und an der Universität für angewandte Künste in Wien ist es auch so, dass es eine Kunsthochschule ist. Also da gilt dieses Modell, aber das haben wir sonst im deutschsprachigen Raum nicht. Und ich glaube, da besteht genau der Knackpunkt, letztendlich.“

Swantje Lichtenstein, Geschlecht
Jan Kuhlbrodt, Geschichte
Bertram Reinecke, Gruppendynamik
Tobias Roth, Tradition
Jeweils 48 Seiten, 7,90 Euro, Edition Poeticon, Verlagshaus J. Frank

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