67. mir fehlt ja nichts

Als ich zum ersten Mal in Leipzig war, wollte ich natürlich Carl-Christian Elze kennenlernen. Wir verabredeten uns fürs Café „Alte Nikolaischule“, aus dessen Fenstern man geradewegs auf die berühmte Nikolaikirche schaut. (…)

Doch dann leuchtete da plötzlich ein zehnzeiliges Glück. „im fenster gegenüber: zwanzig beile“ beginnt das Gedicht und eilt voran in Rhythmus und Rätselhaftigkeit. Selbst der eine, einzige Reim ist nicht peinlich, sondern effektiv und bedrohlich. Das ist ein Gedicht zum Auswendighersagen, Bedenken, Tollfinden. Es hütet sein Geheimnis, während es auf einzelne Worte mitsamt den Blitzen zielt, die sie in einem kurzen Text erzeugen können. Ein Schlichtgedicht und ein Bildergenuss. Einmal fündig geworden und begeistert, las ich vorwärts und wieder zurück und entdeckte noch andere: „mir fehlt ja nichts. hab alle beine dran & alle arme.“ beginnt die schöne, trotzige Klage eines, der von der Liebsten verlassen wurde. Oder: „fast ist es dunkel geworden. fast seh ich noch / den wilden wind in allen büschen wühlen …“, es endet: „fast ist es aus.“ Ja, da ist das Einfache, das schwer zu machen ist.

Im Juni wird der hoch dotierte Ringelnatz-Preis an Ulrike Draesner verliehen. Verbunden damit ist das Privileg, den Träger des Förderpreises zu bestimmen. Wer hätte gedacht, dass sie, die gelehrte, gewandte Dichterin, auf allen Ebenen und Meta-Ebenen mühelos zu Hause ist, Elzes geradzackigen Stern erwählen und frisch beglitzern würde? Dabei passt es so gut.

mir fehlt ja nichts. hab alle beine dran & alle arme.
mir fehlt ja nichts. soweit ich seh, läufts innen rund.
mir fehlt ja nichts. & doch! fehlt doch ein stück!
läuft still herum, jetzt ohne mich
zur gleichen zeit, doch fern –
hätt nie gedacht, dass das mal geht. doch gehts
& gehts. als ob was fehlt, obwohls doch nicht an mir gewachsen.
weiß auch nicht weiter im gebälk, mir fehlts!
ja sicher fehlts. mir fehlts als wärs mein bein, mein arm, mein alles..
rein nichts läuft rund.. wie schön!

Gisela Trahms, Die Welt

Carl Christian Elze: ich wohne in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte. Luxbooks Wiesbaden. 120 S., 22 €.

Carl Christian Elze: Aufzeichnungen eines albernen Menschen. J. Frank, Berlin, 136 S., 13,90 €.

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