4. Aus Unverstand und Unverstand

Das Problem, meine Damen und Herren, ist nicht, das einige Betriebsmitglieder offenbar eine Grundfertigkeit der Branche verlernt haben: das Lesen. Sonst würden sie ja nicht eifrig posten, schreiben und twittern, dass es keine Literatur, also keine Romane, Gedichte, Erzählungen und Dramen über Lampedusa, Hartz IV und andere Fragen unserer Zeit gebe. Beherrschten sie die Fertigkeit des Lesens noch, schickten sie die real existierenden Leserinnen und Leser solcher real existierender Romane, Gedichte, Erzählungen und Dramen nicht mitsamt den von ihnen selbst NICHT gelesenen Autorinnen und Autoren in die Wüste. Aber wie gesagt, das ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist ein anderes: der Haarausfall.

Deutschland muss nämlich Haarausfall haben. Dramatischen, unerklärlichen, beängstigenden, selbstverständlich Gegenmaßnahmen fordernden, scheußlichen Haarausfall. Man versteht dann sofort die Brisanz, steht das Haar doch für die urwüchsige Kraft, die allenthalben vermisst wird. Haarausfall! Anders ist nicht zu erklären, warum so eifrig Locken auf Glatzen gedreht werden. Die schönsten, die prächtigsten, die ausgefallensten Locken. Immer und immer wieder. Und immer schön im Kreis. Wir haben es darin zu einiger Kunstfertigkeit gebracht.

So nämlich, meine Damen und Herren, entstehen heutzutage Debatten. Polemik ist dabei gern gesehen. Der neueste Schrei ist, dass ihr elektrischer Schlag nicht mehr wie zu Schlegels Zeiten durch den Kurzschluss von Verstand und Unverstand entsteht – die Kür ist heute oftmals, und welche titanische Aufgabe ist das, aus Unverstand und Unverstand einen Funken zu schlagen! (…)

Es ist Zeit, dass ein mentaler Generationenwechsel quer durch die Generationen eintritt. Es ist Zeit, dass wir uns frei machen von Maßstäben, die den Denkmustern des Kalten Krieges verwandt zu sein scheinen.

/ Die Kritikerin Insa Wilke in ihrer Dankrede zum Alfred-Kerr-Preis, Börsenblatt

6 Comments on “4. Aus Unverstand und Unverstand

  1. Hallo, freut mich! Dein Name klingt nach Brecht. Nicht unbedingt, schöner Name! Wahrscheinlich hast Du Gedichtbände, oder wo kann ich Deine Texte noch finden?Du warst auf meiner Gedichtseite, herzlich willkommen! Wahrscheinlich war es die von BlogSpot/Blogger. Dort stammt das letzte Gedicht von 2012. Danach sind auch welche in der NZZ gedruckt worden. Blogs, die ich öfter aktualisiere, sind http://erguotou.wordpress.com und http://blog.sina.com.cn/dujuan9999. Es gibt auch einen auf Yahoo! Japan, der wurde eine Zeitlang oft angeklickt, zehntausendmal in drei Jahren oder so. Den hat mir die Mutter eines Kindergartenfreundes meiner Tochter eingerichtet, in China. Sie hatte in Japan studiert. Mein erster Blog. Ein Blick von innen und außen, wir lebten in Peking. 中国大好き, der Name kam von ihr, mit Augenzwinkern. So heißen jetzt alle meine Blogs. „Ich mag/liebe China“, oder „Wir mögen China“. Bei Yahoo! Japan wechseln die Leute oft ihre Mottos, bei mir ist es anders. 中国大好き ist auf Japanisch eindeutig, nur für Leute, die zwar Chinesisch lesen, aber kein Japanisch können, ist es beim ersten Mal schwierig. 中国 bedeutet China, in beiden Sprachen. 好 ist ein sehr häufiges Wort, aber eigentlich zweideutig, das vergessen die chinesischen Leser. China Groß Gut, so klingt der Titel für sie, diese Ironie ist auch schon eine poetische Aktion. Yahoo! Japan wurde dann leider blockiert in China, die chinesisch-japanischen Beziehungen sind ja schon eine Weile schlecht. Ich komme nicht aus Deutschland. Die deutsche Sprache hier in Wien und die Geschichte sind schlimm genug. Das war sehr lang, sorry. Ciao, auf bald!

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    • Sehe jetzt erst, dass ich hier gar nicht mehr geantwortet hatte. Vielen Dank fürs ausführliche Antworten. Ich habe Dein Blog abonniert. Entschuldige, dass ich noch nicht geantwortet hatte.

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  2. Lesen ist (wie) Zuhören. Folgen. Den Gedanken. Eines. Anderen. Sich einlassen. Sich fallen lassen, vielleicht. In etwas hinein begeben, etwas Fremdes sogar. Vielleicht. Vielleicht ist es leicht. Leichter zu sprechen. Leichter zu sagen: Hier spreche ich. Anstatt: Hier lese ich. Hier übe ich. Mich. Im Lesen. Im Verstehen. Jetzt. Hier. Höre ich Dir zu. Mensch.

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