111. Einwurf

Ein Kommentar von  Felix Philipp Ingold

Grossartig! Der Perlentaucher initiiert unter der kundigen Kuratel von Marie Luise Knott eine Lyrik-Kolumne – noch ein Beleg dafür, dass die Poesie, vorab die zeitgenössische, bei den Medien, auch den neuen, an Terrain und Interesse gewinnt. Und grossartig doch, wieviel Positives die Kolumnistin von ihrem „Streifzug durch das lyrische Jahr 2013“ zu berichten hat, nicht nur über die von ihr ausgewählten Autoren und Texte, nein, über Dichtung schlechthin.

Dichtung, so wird uns hochgemut mitgeteilt, kann so gut wie alles – sie vermag „die Zeit aufzuheben“, lässt uns „ins Fantasieren geraten“, sie bewirkt, dass uns beim Lesen „das Glück befällt“, sie „lässt Worte, Bilder, Gedanken gehegt wuchern“, und was sie „mit ihrer Sprache berührt, wird lebendig“. Und ja – da verlässt ein Dichter seine „Versschmiede“ und geht (frei nach Baudelaire) „in den Zauberwald der Sprache mit der Absicht, sich … zu beleben“!

Das alles grenzt an Magie. Hier soll, allen Ernstes, die Macht der Poesie bezeugt werden, Wirklichkeit nicht bloss in Worten vorzuführen, sie vielmehr in Tat und Wahrheit zu erschaffen. Sieben recht verschiedenartige Autoren hat Marie Luise Knott bei ihrem Streifzug aufgegriffen, doch alle – ob Zeitdiagnostiker oder Naturlyriker, Bildungskrämer oder Sprachakrobaten ‒ scheinen gleichermassen zu bestätigen und zu liefern, was sie sich im Umgang mit Gedichten als „ein Ereignis von Lust und Freiheit“ erhofft: Poesie soll „in aller Schönheit eine Störmaschine“ sein.

Auffallend ist nun aber – und dies betrifft schon eher die Dichter als deren geneigte Leserin ‒ , dass sich die vielen herbeizitierten Verszeilen trotz unterschiedlichster Intention in ihrer Machart wie in ihrer Gesinnung kaum von einander abheben. Vorherrschend ist ein Kammerton, der zwischen Plaudern und Raunen seinen Hallraum findet – zwischen lyrischen Versatzstücken wie diesen: „Es ist warm und ich rieche Regenschauer. / Der Barhocker dreht sich. Wenn ich mein Bein bewege.“ – „gezeichnetes gelände in gestundeter seligkeit der verwahrlosung.“ – „Warum tanzte ich nicht auf den Champs Elisées / als die Menge mit Hurrarufen das Kriegsende begrüsste?“ – „Die Welt der Türrahmen, Flure, Treppenhäuser und Wege … wie ein Widerschein des Mondes in dunklem Wasser.“ – „Wir fanden Freude am Geplänkel / wir lösten im Auto den Augen die / Binde und den Worten die Fesseln …“ – „Jetzt müssten die Kirschbäume blühen, dass es heisst: wieder und wieder.“ – Oder auch: „pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll blut, pop, pop!“ Usf.

Marie Luise Knotts durchweg wohlwollende Einzelhinweise auf Stolterfoth, Lindner, Egger, Kennel, Kinsky, Mort und Hartwig können für zeitgenössisches, zumal deutschsprachiges Dichten als einigermassen repräsentativ gelten, doch sie liessen sich auch – mit den gleichen Worten – auf (zum Beispiel:) Popp, Krüger, Scheuermann, Bossong, Bleutge, Falb oder Rost beziehen. Geplaudert wie geraunt! Und … aber wer hat noch was mit andern, also eigenen Worten zu sagen?

 

3 Comments on “111. Einwurf

  1. Pingback: literaturlabor in der Lettrétage: Zuß und Ames suchen Streit (9.1.2014) | Lettrétagebuch

  2. Pingback: 27. Duplik | Lyrikzeitung & Poetry News

  3. „Geplaudert wie geraunt? Wer hat noch was mit andern, also eigenen Worten zu sagen?“

    ich finde, die frage ist doppelt falsch gestellt:
    1) hängt es auch zu 50% vom leser ab, was DIESER als geplaudert oder eigenworthaft empfindet…
    2) hängt es nicht von den WÖRTERN ab, sondern davon, ob der dichter überhaupt eigene FRAGEN stellt und eigene ANTWORTEN findet – die wörter ergeben sich dann fast wie von „selbst“, quasi wortwörtlich, denn das SELBST (die seele, mitte und ureigene schöpferkraft) muß zunächst aktiviert sein, um sich ausdrücken zu wollen und können…

    „jeder lyriker macht selbstverständlich im laufe des lebens als mensch einige wandlungen dank kritischer erkenntnisse & ereignisse durch, die ihn vom epigonalen fetischismus über den experimentellen fanatismus allmählich zu seiner eigenen freien sprachlichkeit führen“
    zitiert aus: METASOZIALE ANTIPOETIK, TEIL 2 – bei L&Poe hier:
    https://lyrikzeitung.com/2013/11/21/84-ggn-institut-metasoziale-antipoetik-teil-2/

    in meinem essay bin ich also bereits deiner frage, lieber felix „in gold“, psychologisch nachgegangen, aber wenn du so vorwurfsvoll desillusioniert und gar ein wenig arogant (?falsch interpretiert) nach dem WER aus der kollegenschar fragst, dann hab doch auch bitte den mut, gleich deine eigenen vorschläge hinzuzufügen. Ann Cotten hat es ja vorgemacht und wenn ihr schon nicht allgemein psychologisieren wollt (oder könnt), dann bitte: namen her! das macht das ganze viel spannender und aufschlußreicher! ich kann nur für mich persönlich behaupten: die eigene, innerste sprachlichkeit, sprachwerdung, wortfindung tritt manchmal urplötzlich ein und vorallem, wenn die empfindsamkeit für erlebtes am stärksten war und zu einer besonders intensiven empfindung führt. aber das seltsame dann ist: es treten nicht unbedingt neue wörter, neologismen oder besonders originelle wortkombinationen in mein bewußtsein, sondern die ERKENNTNIS, die AUSSAGE des gedichts ist „eigen“ im sinne von eigenweltlerisch, authentisch bis autistisch. das ABSICHTLICHE suchen nach sagenhaft eigenen wörtern empfinde ich als eine sackgasse in sprachlosen zeiten, ein intellektual gekünsteltes experiment des verzweifelten, zwangsneurotischen geistes, der nicht ABWARTEN kann, bis etwas VON SELBST zu erzählen ist. ich erlaube mir, mein allerjüngstes gedichtbeispiel hier anzuführen, der brutalen kritik (und/oder ignoranz) der kollegenschar schonungslos ausgeliefert, nicht irgendein neues oder altes gedicht, sondern rein zufällig ein derart „geglücktes“ gemäß meiner eigenen hypothese der authentizität, die nicht wörter erfinden muß sondern wörter EMPFÄNGT, die das seelische anliegen befriedigen. und die frage folgt daraufhin wieder ganz selbstverständlich: kann irgendein leser dasselbe gefühl von echtheit, eigenheit und nicht-geplaudere beim lesen empfinden. nicht unbedingt, aber dasselbe risiko liegt auch bei unglaublich experimentellen neologismen, mit denen sich ein dichter in den transzendentalen dichterhimmel hochschießen will. ich begnüge mich lieber mit einem gemütlichen sessel auf echtem erdboden und lese die grashalme, die um mich herum sprießen, natürlich inzwischen auch schon zu einem gewissen anteil aus plastikpartikeln, aber so ist es nun mal: alles besteht aus zwei seiten, dem innen und dem außen, dem eigenen und dem bezogenen, und in der überwindung des dualismus liegt die spontaneität der empfindung, die eine erzählung bewirkt…

    Bruno Brachland Nr.66, 29.12.2013

    DEPRESSi!ON
    (KÜNSTLICHES KLIMA)

    ich
    zaudere
    bei jedem
    schritt als
    hätte ich das
    ende schon vor
    langem übertreten
    und befände mich im
    freien fall durch eine
    bilderorgie deren sinn mir
    schleierhaft verborgen bleibt
    der wind und seine stille sind
    die einzigen begleiter auf der
    reise durch die gegenwart die viel
    zu echt ist um sie zu verleugnen und
    die doch zu schwach ist um mich in der
    tiefe meiner seele zu berühren nein ich
    muß noch warten warten nichts als warten
    aber soll ich denn mein ganzes leben nur
    zerwarten ohne die geringste änderung
    der ganz persönlichen verhältnisse
    wo soll ich die sehnsucht denn ver-
    graben wohin all die wünsche und den
    schmerz ich kann so lange warten bis
    ich tot bin das geht sowieso viel
    schneller als man denken kann ich
    kann vergessen was ich weiß ich
    kann vergessen was ich einst
    in meinen träumen sah was ich
    verstand was ich als stilles
    wissen über die verfehlungen
    und möglichkeiten des mensch-
    seins erkannte was sich wie
    von selbst allmählich im
    tatsächlichen realen leben
    offenbart als wäre es von
    anfang an dafür bestimmt
    und sollte nur so lange
    warten bis die zeiten
    reif genug anbrechen
    um den baum aus dem
    versteckten samen
    wie von selbst
    hervor zu
    zaubern

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