84. G&GN-Institut: METASOZIALE ANTIPOETIK, TEIL 2

Lord Lässig, 19.11.2013, metasoziale Antipoetik, Teil 2

“Eigentlich geht es in der Kunst nicht um die Bilder sondern deren Inhalt. Diesen ins Leben umsetzen bedeutet plastische Bilder zu finden, deren sozialer Selbstzweck heilsam ist. (…) NICHT AN BILDERN KLEBEN SONDERN HINDURCH BEWEGEN! FREIE MENSCHEN VERNETZT EUCH UM DAS LEBEN ZU POETISIEREN! Gegen diese schöne alte Plastikwelt und gegen die esoterisch-positivistisch halbierte Zweckemotionalität!”
De Toys, in: KÄMPFE KÜNSTLER (Manifest von 1990)

(Quelltext: Teil1= http://www.POETOPIE.de ; Teil2= http://www.POETISIERT.de)

EPIGONALE, EXISTENZIELLE, EKSTATISCHE & ENGAGIERTE LYRIK

(DIE METASOZIALE ANTIPOETIK IST KEINE BILLIGE BAUSTELLE!)
Metasoziale hyperreflexionen als fortsetzung von lord lässigs sOMatoform 29:

Ausgehend von der zivilisatorischen hypothese einer NARZIßTISCH-ASYMPTOTISCHEN OBJEKTKULTUR als motivationsmatrix der„identitätssuchenden“ menschheit unterscheide ich 4 sorten von lyrik, in denen der urschizophrene „kreative druck“ seinen literarischen niederschlag findet: die epigonale bejubelt die klassischen (oder/und „klassisch modernen“) formen des betriebskanons aus mangel an selbständiger sehnsucht; die existenzielle bespiegelt das ich ohne umwege mit seinen spirituellen selbstfragen nach identität, gott und sinn des lebens; die ekstatische bestaunt die intensität der begegnung zwischen einem abstrakten ich und dem projizierten du; und die engagierte beschreibt die real-utopischen konsequenzen aus den diversen begegnungen. Dabei besteht immer die grundhoffnung in dem metaphysischen irrglauben an die magische macht der wörter als objekthafter ersatz für die eigentlichenonverbale identifizierung des eigenen selbst mit sich selbst anstatt des wortes „ich“ und all seinen handlangern. Mit ausgestreckter hand & zunge wühlt sich das entfremdete ich durch den verlust seiner mitte, um eine PERFEKTE PROJEKTION seiner selbst zu inszenieren, weil das bewußtsein dafür verloren ging, daß das gesuchte „paradies“ nicht nur vom hintereingang aus theoretisch zurückerobert werden kann sondern vorallem pragmatisch-sensualistisch durch eine überwindung der dualistischen illusion, daß sich die welt in ein innen und außerhalb ihrer selbst einteilen ließe. Die dementsprechend INTEGRALE ERWEITERUNG ALLER SINNE zu einer holistischen weltfühlung erfordert zunächst einmal das scheitern der literarischen mittel auf höchstem niveau: die inflation der hypertrophierten verwechslung aller ausgesprochenen objektivierungen mit der identität des sprechers, um den zwangsphilosophischen mißbrauch der sprache zu spüren. Erst diese arationale anerkennung der prinzipiellen absurdität aller versuche, mit etwas anderem als sich selbst als das eigentliche subjekt identisch zu sein, öffnet den spielraum für eine ganz andere gattung von lyrik als perinzendentalen „fünften weg“, nämlich der mystisch-materiellen mischform aus allen vier sorten ohne die bisherige motivation der ontologischen objektivierung von wörtern. Der feine, doch radikale unterschied zwischen zwei zeitgenössischen lyrikertypen mit scheinbar derselben antinarzißtischen deobjektivierungsmethode besteht lediglich in der bewußtseinsverfassung hinter den poetologien: während der eine als entweder pubertär ichloser oder rational ichgläubiger streng sachlich und sprachverliebt die psychoide komponente von vornherein ablehnt, weil seine lebensumstände den ich-zweifel als sprachzweifel (noch) unterdrücken und mangels mystischer selbsterfahrung nur quasimythologische metaphern erfinden lassen, die sich im wettstreit der wortspiele neologistisch verausgaben, erlaubt sich der irgendwann ichbefreite lyriker die unendliche leere hinter der fassade aller erscheinungen mit in sein künstlerisches konzept einzubeziehen, indem er sie nicht mehr „dahinter“ ansiedelt sondern ein jedes einzelne wort wie die glaslosen fensterrahmen einer entkernten fassade als selbständigen ausdruck der transdualistischen leereempfindet, soll heißen: der sinn eines wortes liegt dann nicht mehr in seiner symbolik als fingerzeig auf einen weiß leuchtenden -taoistisch andächtigen- vollmond (dazu lese man läuternd erläuternd die subtile selbstfolterszene bei benjamin peret: eine noch so pervers weit herausgestreckte zunge wird den per se fernen mond niemals erreichen können!), sondern erschöpft sich in seiner detranszendentalen direkten mehrdimensionalität [=perinzendenz]*, die wir in den gemälden von lyonel feininger weit eher dargestellt sehen als bei picasso, den dadaisten oder den trivialkonkreten. Aber nicht nur bei den malern gibt es die sogenannten frühwerke und spätwerke, denn auch jeder lyriker macht selbstverständlich im laufe des lebens als mensch einige wandlungen dank kritischer erkenntnisse & ereignisse durch, die ihn vom epigonalen fetischismus über den experimentellen fanatismus allmählich zu seiner eigenen freien sprachlichkeit führen, wobei man sich nicht allzu voreilig aufgrund des rein biologischen alters und der dadurch suggerierten abgeklärtheit täuschen darf: Eine befreite (und dadurch auch sprachfreie statt sprachlose) begegnung zwischen dem früher oder später „erlösten“ (in sich selbst ruhenden), konkretisierten ICH und dem entprojizierten DU findet nur statt, wenn die entscheidenden fragen vom ich an sich selber gestellt & gelöst wurden, und zwar epigonal, existenziell, ekstatisch und engagiert! Manch ein gefeiertes spätwerk kann daher als unreifes, fast peinliches spätfrühwerk entlarvt werden, während auch „frühvollendete“ jugendwerke die anmutige alterweisheit eines lebenserfahrenen ausstrahlen können. Auch hier kann womöglich die eigendynamik des rezipienten weit mehr interpretationsspielraum eröffnen als sich der lyriker selbst jemals erträumt oder gewünscht hätte. Aus einem neurotischen narren kann der betrieb ein genie machen, und ein genie kann vielleicht in der medialen zeitgeisthypnose übersehen werden, ja manchmal sich selbst nicht erkennen, weil das gesagte so naheliegend gesagt werden muß, daß sich der sagende selbst dabei nicht sonderlich sagenhaft vorkommt. Aber worüber sich jeder, der denkt und poetisch schreibt, einigermaßen rechenschaft abzulegen bereit sein sollte, sind die psychologischen grundausstattungen seiner eigenen wahrnehmung von welt & seele, um diegenerelle motivation zur kreativität nachzuvollziehen, damit weder der dichter noch seine leser vom werk etwas verlangen, was rezensionen behaupten oder der klappentext einem verklickert. Weder lektoren noch journalisten verfügen über die autorität als sekundäre autorenschaft, um werke zu definieren, als stünde das arme gedicht vor gericht und hätte keinen mund, um sich selbst zu verteidigen. Letztendlich spricht jedes werk für sich selbst in seiner eigenen sprache, ganz gleich, ob die botschaft neurotisch beeinflusst, klassizistisch beschönigt, avantgardistisch bereinigt oder brutal innovativ erscheint. Wenn es dem leser in dessen gesamtsituation irgendwie gut tut, ja hilft, seinen persönlichen bezug zur seele & welt ein stück weit besser zu verstehen, hat es als literaturtherapeutisches produkt mehr bewirkt, als das idealistisch anmaßend „antitherapeutische“ selbstzweckgedicht jemals im stande wäre. Von diesen bemühten gedichten, deren geschmack an den teuren hustensaft erinnert, den man nach einigen ferngesteuerten, örtlich betäubten sekunden wieder erbrach, habe ich nichts zu erwarten, sie können mir gerne gestohlen bleiben…

der Neologismus „Perinzendenz“ (per & in stehen für „durch“ & „drin“ statt der religiösen Hoffnung eines Etwas „hinter den Dingen“) ist inspiriert durch HEL ToussainT, der in einem Gespräch mit De Toys (im Jahre 2002) anmerkte, daß dessen Ergänzung vieler klassisch-mentaler Begriffe mit der Vorsilbe „trans“ (zwecks Überwindung ihrer dualistisch-idealistisch-illusionären Inhalte hin zu einer parallelistisch-mehrdimensionalen Spektralwahrnehmung) bei dem konservativen Glaubensbegriff der Transzendenz ad absurdum geführt wird.

TAOTROPFEN (c) De Toys, 13.11.2013 @ Haustertshofweg (Düsseldorf Eller Süd)
TAOTROPFEN (c) De Toys, 13.11.2013 @ Haustertshofweg (Düsseldorf Eller Süd)

5 Comments on “84. G&GN-Institut: METASOZIALE ANTIPOETIK, TEIL 2

  1. „Wieviel Unsinn! Man liest eben rasch und oberflächlich, und man urteilt, ehe man etwas verstanden hat.“
    Jean-Paul Sartre, in: WAS IST LITERATUR (1950)

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  2. http://www.SCHULGEDICHT.de = HIER KÖNNTE DEIN SELBSTGESCHRIEBENES SCHULGEDICHT ALS GASTBEITRAG ERSCHEINEN!! (…) Daher habe ich diese fast gleichnamige Domain angemietet, um DIR ein Gedichtbeispiel zu bieten, das ich vor 2 Jahrzehnten selbst schrieb, nachdem ich einige Deutschunterricht-Schüler in Köln kennengelernt hatte, die mich dank ihrer Lehrerin als Gast an ihrer Schule zum Thema „moderne Lyrik“ empfangen hatten. Mußtest Du auch schon ein eigenes Gedicht für den Unterricht abliefern oder „durftest“ Gedichte analysieren und interpretieren, die Du so grottenschlecht fandest, daß Du nur dachtest: „DAS KANN ICH DOCH AUCH!“ und daraufhin selbst ein Gedicht schriebst? (…)

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  3. mein neuer gedichtband hat jetzt nicht nur eine eigene domain: http://www.poem4u.de – sondern enthält in der FINALEN VERSION 9 seit dem 13.12.2013 auch als „zugabe“ ganz am ende hinter den metasozialen antipoetik-essay auch den brandneuen essay „GOTT & GEHIRN“, der sich rauschartig-visionär mit damit beschäftigt, wie man das phantom „gott“ philosophisch knacken kann. ich wäre damit wohl der erste, der das geschafft hat, sagt man doch immer gerne, daß weder gottesbeweise noch gegenbeweise „absolut“ nachweisbar wären, nun ja, ich biete keinen beweis gegen gott sondern noch schlimmer, noch blasphemischer: die esoterische selbsterfahrung, die von kindesbeinen an tabuisiert wird, als lebten wir heute noch im mittelalter 🙂

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  4. KEIN KOMMENTAR SONDERN EINE ANFRAGE: michael, magst du die GESAMTE rezension als meldung übernehmen? ich wäre dir dafür dankbar! hier nur ein auszug, die ganze findest du bei gefallen bzw brauchbarkeit gelayoutet im link ganz unten… als titel+untertitel für die meldung schlage ich folgende variante vor:

    Angewandte Antipoetik im Gedichtband „SÜHDSUCHT (SEELENOBJEKTE)“
    Auszug aus der Rezension von Samuel Lépo

    Mit 77 lyrischen Beispielen aus den letzten 4 Jahren untermauert De Toys seine metapoetologischen Hypothesen einer „urschizophrenen Objektkultur“ als Kritik am modernen Bürgertum, das sich noch immer von einer Machtelite durch metaphysische Illusionen behavioristisch hypnotisieren lässt. Dementsprechend finden sich auch beide Essays zur „metasozialen Antipoetik“ im Anhang der PDF-Publikation in der G&GN-Edition „Poemie Digital Fusion“. (…) Wenn Lyrik als angebliche Königsdisziplin der Literatur nicht nur wie eine Beihilfe zum trockenen Kommentieren der Weltlage in einem eleganten verbalen Design daherkommen will, um als bessere Beilage von Boulevardblättern zu fungieren, sondern wenn ein Gedicht noch mit Wahrheit, mit MEHR WAHRHEIT verbunden wird (…) – wer mehr von der Lyrik erwartet als nur schöne Ablenkung vom inneren Schrei nach Gerechtigkeit, Wahrheit und tieferem Sinn, der kann sich die Lyrik des G&GN-Instituts zutrauen, ohne Gefahr zu laufen, nie wieder ruhig schlafen zu können. (…)

    Kostenlose G&GN-PDF-Edition (Rezension & Datei-Download) HIER:
    http://poemie.jimdo.com/pseudonyme/samuel-l%C3%A9po/rezension-angewandte-antipoetik/

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