110. In der Presse

findet sich Lyrik – keiner kommt dran vorbei – häufig auf den Politik- oder Wirtschaftsseiten und in der Werbung. Wie hier, Süddeutsche Zeitung*:

Man weiß nicht, ob man sich auf der Abiturfeier verliebt, bei einer Wohnungsbesichtigung oder bei einer Lesung postmoderner Lyrik. Wer die Liebe planen will, sucht im Internet (Foto:dpa).

*) Im Feuilleton: auch heute keine Spur. Film, Theater, Kunst und so. Sein Lyrikbedürfnis befriedigt der Jetztmensch im Alltag oder, wenn er Politiker, Zeitungsschreiber oder Werbespezi ist, auch im Beruf. Früher, ja da war es noch anders. Gottfried Benn bezeugt es:

wenn Sie am Sonntag morgen Ihre Zeitung aufschlagen, und manchmal sogar auch mitten in der Woche, finden Sie in einer Beilage meistens rechts oben oder links unten etwas, das durch gesperrten Druck und besondere Umrahmung auffällt, es ist ein Gedicht. Es ist meistens kein langes Gedicht, und sein Thema nimmt die Fragen der Jahreszeit auf, im Herbst werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legenden in Reime gebracht — kurz, bei der Regelmäßigkeit, mit der sich dieser Vorgang abspielt, jahraus, jahrein, wöchentlich erwartbar und pünktlich, muß man annehmen, daß zu jeder Zeit eine ganze Reihe von Menschen in unserm Vaterland dasitzen und Gedichte machen, die sie an die Zeitungen schicken, und die Zeitungen scheinen überzeugt zu sein, daß das Lesepublikum diese Gedichte wünscht, sonst würden die Blätter den Raum anders verwenden.

Was sie ja heute tun. Wann hat das eigentlich aufgehört? Kurz nach der Wiedervereinigung war es noch da, wie sich die Älteren erinnern werden. Obwohl schon Benn eine Ahnung hatte, denn im nächsten Satz sagt er:

Die Namen dieser Gedichthersteller sind meistens keine sehr bekannten Namen, sie verschwinden dann wieder aus den Feuilletons …

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