20. Brief aus Midtown 8

Avantgarde geht immer – in der Kunst. Eine neue Galerie in 909 Madison Avenue spielt eine historische Performance nach. Zur Eröffnung der Galerie am 18.9. wird die „Monotone Silence“-Sinfonie von Yves Klein unter Leitung des Schweizers Roland Dahinden aufgeführt. Sie besteht aus einem einzelnen Akkord, der 20 Minuten gespielt wird, gefolgt von 20 Minuten Stille. Das Orchester besteht aus 32 Instrumenten und einem Chor von 30 – 40 Sängern. Bei der Uraufführung 1960 ließ Klein 3 Modelle sich in blaue Farbe wälzen und den Körper auf weiße Blätter am Boden und an Wänden pressen. Als die Musik aufhörte, mußten die Modelle (er sprach von „nackten Bürsten“) die jeweilige Stellung einfrieren. In der Neuaufführung gibt es keine nackten Modelle.

Jay Sanders, ein Kurator am Whitney Museum of American Art, bereitet eine Ausstellung vor: „Rituals of Rented Island. Object Theater, Loft Performance, and The New Psychodrama. Manhattan 1970-1980“. Der Titel entstammt – als Spottname für Manhattan – aus einer Performance von Jack Smith 1976. Die Ausstellung soll sich mit „einer verlorenen Generation“ beschäftigen, die nach Happenings, Fluxus und John Cage, aber vor Punk kam. Zu den behandelten Künstlern gehören Vito Acconci, Laurie Anderson, Mike Kelley und John Zorn. Die Ausstellung werde den „coolen Underground“ von New York präsentieren.

Die New York Times Book Review bespricht diesmal zwischen Fiction auch Lyrik. Auch gemixt: Paul Rudnick bespricht David Rakoffs letztes Buch „Love, Dishonor, Marry, Die, Cherish, Perish“. Der Rezensent füllt eine Spalte mit Hochachtung vor dem an Krebs gestorbenen Autor und beginnt dann seine Rezension so: „Bei allem was recht ist sollte ich dieses Buch hassen, nicht nur weil es schrecklich ist, sich eine Welt ohne neue Rakoff-Bücher vorzustellen oder ohne Rakoff. Nein, ich sollte es hassen, weil es komplett in Versen geschrieben ist und ich ein ausgemachter Poesiephober bin. Ich bin ein ignoranter Mensch, der alle Poesie von Shakespeare abwärts für einen vollständigen Hoax hält. Wie ein Langweiler bei einer Party sprechen die meisten Gedichte nur vom Wetter, ihren Gefühlen und dem kleinen grauen Vogel, den sie auf dem Weg zur Arbeit sahen. Es ist wie mit Joghurt und Mathematik, nach meiner Überzeugung lügt jeder der behauptet, daß er Lyrik mag.“

Nun also tut er sich einen Roman in Versen an, und siehe, er gefiel ihm. „Er bringt mich nicht dazu, Lyrik zu lieben, aber bekräftigte meine Liebe zu Rakoff.“ Alle von Rudnick zitierten Stellen enthaltben Paarreims, ich zähle sie auf: here/fear, Kansas/Francis, calm/palm, heart/art, warehouse/their house, bubble/trouble, all/wall, scintilla/vanilla, horas/Torahs, wall/all, Ohio/Putumayo. Zwei der aufgeführten Parrreime beziehen sich auf die Homosexualität des Helden. Sein sexuelles Erwachen beginnt, als er in der Kunstklasse einen männlichen Akt zeichnen soll und in Ohnmacht fällt: „“A vaguely elating but frightening bubble,/ He felt buoyant and free and yet somehow in trouble.“

Rakoffs Erzählstil, durch die Paarreime hindurch, erinnert den Rezensenten an Dorothy Parker, Ogden Nash oder Frank O’Hara: „Das sind meine Dichter, zugänglich und unpretentious.“ Die Verse verliehen, meint er, dem Roman einen „homerischen Anstrich“: wenn nur Homer (ich übersetze mal so:) amerikanischer gewesen wäre.

Wenn die Intellektuellen schwätzen, sprechen die U-Bahn-Verantwortlichen. Poetry is back!

motion

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