75. Bloomsday Cryptogams

Bloomsday ist der Tag, an dem die Handlung von James Joyce‘ Roman Ulysses spielt. Heute ist Bloomsday (damals haben sie das Buch verboten, heute feiern sie ihn alljährlich). Hier eine passende – wahre – Geschichte, die wie erfunden klingt und viel von Lyrik handelt.

Als John Sifton vom geheimen amerikanischen NSA PRISM-Programm erfuhr, das die weltweite Bespitzelung aller Kommunikationskanäle vorsieht oder ermöglicht, richtete er einen Server in Peschawar in Pakistan ein (er ist Menschenrechtsaktivist und arbeitet für Human Rights Watch), der ihm Passagen aus James Joyce‘ Finnegans Wake per Mail zuschickte. Als Antwort schickte er Auszüge aus Gedichten von Gerard Manley Hopkins zurück.

Er glaubte dem Freund, der ihm von dem Projekt erzählt hatte, nicht so recht und wollte es ausprobieren. Keine gute Idee, sagt er heute – nachdem er angeklagt wurde. „Sein Haus an eine Anwaltsfirma überschreiben ist eine demütigende Erfahrung“, sagt er. Er sei kein Edward Snowden. Die Vorstellung, daß CIA-Analytiker in Joyce‘ chaotischem phonetischem Singsang kodierte al-Kaida-Botschaften suchten, beflügelte seine Vorstellung:

Tark’s bimboowood so pleasekindly communicake with the
original sinse we are only yearning as yet how to burgeon. It’s
meant milliems of centiments deadlost or mislaid on them but,
master of snakes, we can sloughchange in the nip of a napple
solongas we can allsee for deedsetton your quick.

Er antwortete in Hopkins’ alliterativem Ton mit den originalen Pausen- und Akzentstrichen, durchaus geeignet,  CIA-Dekodierer in den Wahnsinn zu treiben:

Óur évening is over us; óur night ‚ whélms, whélms, ánd will end us.
Only the beak-leaved boughs dragonish ‚ damask the tool-smooth bleak light; black,
Ever so black on it.

Joyce:

. . . .The spearspid of dawnfire totouches ain the
tablestoane ath the centre of the great circle of the macroliths of
Helusbelus in the boshiman brush on this our peneplain by Fan-
galuvu Bight whence the horned cairns erge, stanserstanded,
to floran frohn, idols of isthmians. Overwhere. Gaunt grey
ghostly gossips growing grubber in the glow. Past now pulls.
Cur one beast, even Dane the Great, may treadspath with
sniffer he snout impursuant to byelegs. Edar’s chuckal humuristic.

Unwahrscheinlich, daß seine Emails kontrolliert würden, glaubte er, da er keinerlei Kontakte zu Al-Kaida-Kurieren hatte. Und wenn doch, würden sie mit einfacher Googlesuche die literarischen Quellen herausfinden. Doch es kam anders.Vielleicht war es diese Passage von Seite 261 aus Finnegans Wake, die ihn hineinzog:

Terror of the noonstruck by day,
cryptogam of each nightly bridable. But, to
speak broken heaventalk, is he? Who is he?

Irgendwann tauchten die CIA-Agenten O’Brien und Bloom (sic!) auf. O’Brien legte ihm die Mail mit den Stichwörtern “terror” und “cryptogam” vor und eine weitere:

Lét life, wáned, ah lét life wind
Off hér once skéined stained véined variety ‚ upon, áll on twó spools;
     párt, pen, páck
Now her áll in twó flocks, twó folds—black, white;
     ‚ right, wrong; reckon but, reck but, mind
But thése two; wáre of a wórld where bút these ‚ twó tell, each off the óther;
     of a rack
Where, selfwrung, selfstrung, sheathe- and shelterless, ‚
     thóughts agaínst thoughts ín groans grínd. 

O’Brien sah angewidert drein, als er ihn aufforderte, das zu erklären.

„Es ist ein Gedicht“, sagte er. Es handele von der in richtig und falsch geteilten Welt. Davon, wie der Konflikt von richtig und falsch in unseren Gedanken fortbesteht.

„Es sieht aus wie Code“, sagte O’Brien. „Wer würde denn sonst so schreiben?“

„Nun, eine Art von Code“ – Sifton lächelte matt. „Es sind Tricks, Wortspiele.“

„Sie geben also zu, daß es ein Code ist“, sagte O’Brien mit Stirnrunzeln. „Sie wollten darauf hinweisen, indem Sie ‘cryptogam’ schrieben.“

„Nein, nein“, sagte Sifton.

„Was ist der Code? Was bedeutet das auf gut Englisch? Dieses ‘selfwrung, selfstrung, sheathe- and shelterless?’ – was bedeutet der Scheiß?“

Er wollte ernsthaft antworten: „Es geht darum, wie wir uns in Gedanken selber foltern. Da ist so ein Gestell… wo die Gedanken sich stoßen.“

„Sie schreiben über Abu Ghraib, über Folter. Geht es um Rekrutierung?“

Siftons Blick fiel auf die antwortende Passage aus Finnegans Wake:

Remember Bomthomanew vim vam vom
Hungerig. Hoteform, chain and epolettes, botherbumbose. And
I’ll be your aural eyeness.

– und er verlangte einen Anwalt.

Da fingen seine Probleme erst an. Zu seinem Erstaunen fragten sie mehr nach Hopkins als nach Joyce. Bei einem Verhör sollte er das Wort „dapple“ erklären:

For earth ‚ her being has unbound, her dapple is at an end,
     astray or aswarm, all throughther, in
throngs; ‚ self ín self steedèd and páshed—qúite
Disremembering, dísmémbering ‚ áll now.

„Es bedeutet Kontrast“, sagte er wie ein enthusiastischer Student. „Farbzusammenstellung. Wie grün, rot und blau. ‘Dapple is at an end’ bedeutet, es wird dunkel und man kann die Farben nicht mehr sehen.“

Special Agent O’Brien schrieb auf: “dapple = contrast.”

Und ‘pashed’?”.

“Das heißt ‘broken’.”

Er schrieb es auf. Sifton wurde mulmig, als er seine Notizen las:

End of right and wrong. Breaking. Dismembering.” Das letzte Wort zweimal unterstrichen.

Siftons Anwälte hatten viel Mühe, ihn da rauszuboxen.

(Die originale Geschichte hat noch weit mehr Feinheiten!)

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