91. Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln

Rainer Schedlinski war einer der Herausgeber des essayistisch veranlagten Periodikums „ariadnefabrik“. (Der Name des zweiten Herausgebers soll an dieser Stelle ungenannt bleiben, da es als sicher gelten kann, daß er keinerlei Wert darauf legt, mit einer Hefte-Folge in Verbindung gebracht zu werden, deren Abonnent das Ministerium für Staatssicherheit war.)*

Über den Denunzianten Rainer Schedlinski zu sprechen bedeutet in der üblichen Weise, zumeist über den Dichter und Denker zu schweigen. Und dies meint wohl kaum die viel zitierte Trennung von Dichter und Werk, welche ohnehin nach Belieben aufgehoben ist, wenn es darum geht, die Gedichte und Essays als persönliche Verpflichtungserklärung oder als verspiegeltes Geständnis gegenzulesen. Rainer Schedlinski war ja nicht nur ein inoffizieller Mitarbeiter, sondern auch ein bekennender Struktualist. Seine Gedichte sind von einer kargen Sprache, deren Nüchternheit an Teilnahmslosigkeit grenzt. Die Worte sind nur das, was sie sagen, ihre Eindeutigkeit zielt auf eine unverstellte Sicht der Dinge. Auf den Irrsinn eines verrückten Systems weisend, denken seine Essays die Verhältnisse vom Kern ihres ganzheitlichen Irrtums her. Sie erkannten, was offensichtlich war und dennoch offensichtlich neben der Erkenntnis lag.

Man liegt nicht falsch, Rainer Schedlinski einen aufgeklärten Geist zu nennen, der Kritik an der Aufklärung übte. Die Aufklärung rotierte ihm um Denkfiguren, die nicht von der tatsächlichen Gestalt eines gesellschaftlichen Phänomens ausgingen, sondern von einem Ideal, welches sie postulierte und damit sozusagen zielgerichtet verfehlte. Die Einsichten Schedlinskis hatten durch ihre zirkuläre Verbreitung eine äußerst begrenzte Wirkung und absurderweise war er als Stasi-Zuträger auch noch subversiv gegen die eigene Subkultur, welche letztlich seine einzige, aber betrogene Leserschaft darstellte. Dennoch waren seine Aufsätze im Idealstaat DDR von einiger Brisanz, selbst wenn damals alles brisant war, was vom Staatsnarzismus abwich.

Die Brisanz seiner Essays machte jedoch vor dem Irrsinn der eigenen Person halt. Er predigte Einsicht in die Verhältnisse und agierte verdeckt in ihnen. Er analysierte den Wahnsinn und war Teil seiner Methoden. Dieser Konflikt ist sehr viel aufschlußreicher als die Akteneinsicht in die Protokolle seines Verrats. (…)

Rainer Schedlinski ist heute Betreiber einer Firma namens Thermalforce. Ihre Entstehung und ihr Erfolg gehen auf das Patent für einen thermoelektrischen Generator zurück, den er wohl im Eigenbau am Wohnzimmertisch konstruierte und im Keller der Geschäftsräume von Galrev zusammenschraubte. Was soll man dazu sagen? Vielleicht, daß Energie nicht verloren geht? Hier geht es ja nicht allein um die Umwandlung von Wärme in Energie, es ist die Wandlung von Poesie in ihr Gegenteil, in eine reine Funktionalität. Letztlich wird diese Entwicklung aber auch der Erkenntnis geschuldet sein, daß die eigene Sprache nicht länger imstande ist, Energien freizusetzen, indem sie z.B. Wärme oder Kälte erzeugt. Den Texten war es nicht länger möglich, durch eine runtergeregelte Empathie zu glänzen, mit der Rainer Schedlinski einmal sprach: „ernst sind die äcker & ernst / die häuser vor den äckern / die hecken sind / ernst und gezeichnet“.

Heute schreibt er: „thermalforce.de liefert thermoelektrische Generatoren, Zubehör für deren thermische und elektrische Montage, sowie einsatzbereite Generatorenmodule. Zudem finden Sie hier eine große Auswahl an Kühlkörpern, Wärmetauschern, Anschlüssen, Pumpen, Reglern, Wärmeleitmitteln, Meßgeräten und sonstigem Zubehör.“ Dies ist der Gebrauchstext für ein neutrales Sujet, die Lyrik einer kalten Funktionalität und daher die Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln.

/ Henryk Gericke, Radio Utopie

*) Na, das kann man sich nicht aussuchen. Wer publiziert, wird auch bibliographiert. Von Andreas Koziol würd ich auch gern mal wieder was lesen!

  • Ariadnefabrik (1986 – 1989) (Hrsg. Rainer Schedlinski und Andreas Koziol)
  • Abriss der Ariadnefabrik (Band 1 der Edition Galrev). Hrsg.  Andreas Koziol und Rainer Schedlinski. Berlin: Druckhaus Galrev, 1990

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