90. Die Rohstoffe

Kein amerikanischer Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts hat seine Wiederentdeckung so verdient wie George Oppen (1908 bis 1984). In der Regel erweitert der übliche Anlass für das Erscheinen neuer primärer oder sekundärer Werke – ein runder Geburts- oder Todestag – den Stand der Kenntnis nur marginal und verändert den sichtbaren Rang eines Autors nicht. Im Falle Oppens jedoch hat die Flut von angelsächsischen Publikationen in den letzten Jahren viele Facetten freigelegt und den Dichter endlich als Zentralfigur der amerikanischen Poesie der Moderne etabliert.

Mit Gleichgesinnten wie Louis Zukofsky und Charles Reznikoff begründete er in den dreißiger Jahren den „Objektivismus“, eine Bewegung, die den Imagismus weiterentwickeln wollte und dem Gedicht Dingqualität zugestand: Verse, so die Objektivisten, existieren in sich und für sich. Gerade weil sie mitnichten die Gefühle und Meinungen des Verfassers transportierten, träfen sie gültige Aussagen über das, was uns umgibt. In den Vordergrund rückten Einfachheit, Klarheit und Kürze, indes formale Struktur, Reim, Metapher und Bild weniger wichtig wurden. (…)

Die erste Kollektion seiner während der sechziger und siebziger Jahre veröffentlichten Lyrik hieß „The Materials“. Unter dem Titel „Die Rohstoffe“ ist der Band nun zweisprachig im verdienstvollen Wiesbadener Verlag Luxbooks erschienen. Erstmals wird damit die neben „Primitive“ wichtigste Auslese Oppens auf Deutsch zugänglich. Norbert Lange hat einfühlsam übersetzt und wie auch Paul Auster ein erhellendes Nachwort geliefert; ferner hat Lange zu den rund vierzig, selten mehr als eine Seite umfassenden Poemen detailreiche Anmerkungen beigesteuert, die vertiefte Einblicke in seine eigene Werkstatt und in Oppens Schaffen bieten. (…)

Willkommen diesseits des Atlantiks, Mr Oppen! / Thomas Leuchtenmüller, FAZ 25.1.

George Oppen: „Die Rohstoffe“. Gedichte.
Aus dem Englischen von Norbert Lange. Nachwort von Paul Auster. Luxbooks, Wiesbaden 2012. 140 S., br., 22,– €.

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