18. Francis Picabia: 4 Fragmente und 3 Texte

Ich brauchte DADA, und siehe, es war da, da. Im Buchladen der National Gallery in Washington fand ich einen dicken Band: I am a beautiful monster. Poetry, Prose, and provocation. Francis Picabia. Translated by Marc Lowenthal. Cambridge / Mass. u.a.: The MIT Press, 2007. Ein paar kleine Fundstücke:

Fr. 1:

Wenn du zehn Minuten laut André Gide liest, beginnt dein Atem zu stinken.
(Z, no. 2, Paris, März 1920) Beautiful monster S. 197

Fr. 2:

Tristan Tzara ist ein jungfräulicher Idiot.
(Proverbe, no. 3, Paris, 1. April 1920) Beautiful monster S. 199

Fr. 3:

Maler, Musiker oder Schriftsteller, deren Werke sich verkaufen, sind nicht mehr modern. (…)

Jean Cocteau läßt uns wissen, daß er extrem rechts steht; das glaube ich ihm aufs Wort, aber rechts wovon?  … Etwa von der Musik?

Picasso, wenn Sie Dadaist sein wollen, denken Sie nicht, daß Sie vorher aufhören müßten Kubist zu sein, und es kommt mir so vor, als wären Sie das Wunderkind dieser Schule. (…)

Aragon spricht viel, aus Angst, nicht genug gesagt zu haben.

(Cannibale, no. 1, Paris, 25.10. 1920) Beautiful monster S. 210

Fr. 4

aus: A silly-willy’s notebook:

Kubistische Schriftsteller und Maler wollen seriös sein; zu dem Behufe erinnern sie sich an die große Schönheit jener amerikanischen „skyscrapers“. In Frankreich haben wir Früchte, die man „ass-scrapers“ [gratte-cul] nennt.

Ich fragte einen unserer Freunde, was es Neues von Picasso gäbe; er sagte, er sei in seinem Büro, was stimmen kann.

Marcel Duchamp gehts besser, er trinkt Dorschleberöl; es gibt viele Frauen in Amerika und wenig Whisky.*
[…]

(Cannibale no. 1, Paris, 25.4. 20) Beautiful monster S. 412

T. 1:

Art

Das Prinzip hinter dem Wort SCHÖNHEIT ist bloß eine automatische, sichtbare Konvention. Das Leben hat nichts mit dem zu tun, was die Grammatiker Schönheit nennen. Tugenden wie der Patriotismus exiastieren nur für Durchschnittsgeister, die ihr ganzes Leben dem Sarkophag widmen. Wir müssen diese Quelle von Männern und Frauen, die die Kunst für ein Dogma halten, deren Gott die von ihnen akzeptierte Konvention ist. Wir glauben nicht mehr an Gott noch an Kunst und auch nicht an ihre Priester, Bischöfe und Kardinäle.
Kunst ist der Ausdruck des zeitgenössischen Lebens und kann nichts anderes sein. Schönheit, Anstalt ähnelt nur dem Musée Grévin und prallt von der Seele der Verkäufer und Kenner der Kunst ab, dieser Wächter des Kirchenmuseums für Kristallisationen der Vergangenheit.
Tralala tralala
Darauf fallen wir nicht rein.
Wir ernähren uns nicht vom Erinnerungsbüro und Robert-Hudins Auftritten.
Du verstehst nicht, was wir machen, hab ich recht? Nun, liebe Freunde, wir verstehen es noch weniger als ihr. Was für ein Vergnügen, eh, da hast du recht. – Aber glaubst du, daß Gott Englisch oder Französisch verstand??? ???
In diesen wunderbaren Sprachen erklärt ihr ihm das Leben tralala tralala tralala tralala tralala tralala.
Also schaut mit dem Geruchssinn, vergeßt das Feuerwerk der Schönheit für 100.000, 200.000 oder 100.000.000 Dollar.
Und überhaupt, mir reichts: die nicht verstehen werden nie verstehen und die verstehen, denn irgendjemand muß ja verstehen, die brauchen mich nicht.
(„L’Art“, in: Littérature, no. 13, Paris, Mai 1920). Beautiful monster S. 217

T. 2 [Ohne Titel]

Liebe Revolutionäre, eure Ideen sind so beschränkt wie die eines Kleinbürgers aus Bésançon.
(Cannibale, no. 2, Paris, 25.5. 1920) Beautiful monster S. 217

T. 3:

Lyrik für jene, die nicht verstehen

GESCHMORTE KALBSFÜSSE, kleines Zwischengericht. Man koche sie au naturel (siehe Seite 201), entbeine sie und schneide sie in Stücke; benetze sie mit Rührteig oder beschichte sie mit Brotkrümeln und schmore sie (siehe Geschmorten Kalbskopf).

Francis Picabia der Trinker

(Cannibale, no. 2,, Paris, 25. Mai 1920) Beautiful monster S. 217

*) Im Januar 1920 wurde in den USA die Prohibition eingeführt.

„Die Maler sind Maler, weiter nichts. Was ich mache, wird nie verstanden, auch nicht von mir. Ich bin der Antikünstler überhaupt, ein Ungeheuer.“ Mehr

Cannibale no. 2 zum Download

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