98. Warum?

Als ob die Frage neu wär. Die Trennung der Dichtung von ihrer mythischen Funktion, passierte das nicht bei den Griechen vor 2500 Jahren? Erfanden die nicht deshalb Literatur und Wissenschaft? Gottfried Benn jedenfalls hat es nicht so mit der Sonderstellung der Lyrik, er fragt: „Warum reimen wir oder zeichnen…“ Honoraraussicht ist es nicht, man weiß. Künftiger Ruhm wohl auch nur bedingt. „Unser Grab erwärmt der Ruhm?“ fragt Heine und erteilt Antwort: „Torenworte! Narrentum! / Eine beßre Wärme gibt / eine Kuhmagd, die verliebt / uns mit dicken Lippen küßt“ pp. Benn weiß die Antwort auch nicht, bzw. gibt sie nur poetisch, auch das ist nicht neu und wird trotzdem gemacht: „Die Poesie ist unentbehrlich – wenn ich nur wüßte, wozu“ (Jean Cocteau). Aber warum leichtfertig die Absage an religiöse Verklärungsmodelle aufs Spiel setzen, wie Benn sie gut Bennsch („Das wollen wir Mosebachs überlassen“) in den ersten 3 Zeilen gibt?

Satzbau

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau 
das Primäre.

„Die wenigen, die was davon erkannt“ – Goethe –
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.

Entstanden am 23.3.1950, Erstdruck 1951

Benns Antwort schafft nicht eine neue Verklärung, sondern antwortet charmant poetisch im Sinne seines Absage-Modells. Das kann man interpretieren, es ist genauso billig und daher beliebt wie wenn man es eben weil „sonst“ unbeantwortbar als Atavismus erklärt. „Nein, es ist ein Antrieb in der Hand“ – reicht das nicht? Warum können wir uns nicht damit zufrieden geben, daß es gemacht wird weil es gemacht wird? Nicht eine neue Heilslehre, sondern Artistik selbst als ihr eigener Wert.

Benns Gedicht vermischt wie immer „gut Bennsch“ mit „schlecht Bennsch“. „Auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus“,   ein Unterleibswitz, na gut. Schon zu Benns Zeiten gab es auch Artistínnen. (Fängt nicht die Lyrik mit Sappho an?) Auch ist seine Gegenüberstellung von „Form“ und „Inhalt“ nicht unbedingt auf dem Stand der Diskussion (obwohl heute auch wieder beliebt).

Vielleicht unerwartet kommt Benns frommer Kollege Brockes zu Hilfe. Sein Lebenswerk „Irdisches Vergnügen in Gott“ praktiziert eine Art privaten Gottesdienst ohne Kirche. Man muß nur in den Garten gehen und beobachten. Und Sätze bauen. (Wenn das religiös ist – um so besser!).

Innerhalb des Brockesschen Modells gibt es Spielraum für alles. Die folgende Passage erklärt uns ohne jede Priestergebärde, wozu weltliche Lieder gut sein können:

Stimmt nicht so mancher Handwerks-Mann
Ein frohes Lied bey seiner Arbeit an?
Versüsset er sich nicht dadurch die saure Müh?
Er fühlt nicht einst den Schweiß;
Es mehrt in ihm die Poesie
Die Lust zusammt dem Fleiß,
Und mindert ihm sein Unvergnügen.

Ich mag das Ganze jetzt nicht abtippen und nehme Brockes im Zitat in meine Anthologie. Mit meinen Hausheiligen (Benn & Brockes sind dabei) trotze ich dem neuen Religionssgeschwurbel. Worum gehts hier eigentlich? Ich nehme an, um Satzbau.

11 Comments on “98. Warum?

    • klar: ausbuddeln, auf den obduktionstisch, anschaun. nachdenken. warten, dass einem was dazu einfällt, das wesentlich besser ist als … benn. viel erfolg 🙂

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      • immerhin setzt man sich dann nicht dem vorwurf der textimmanenz aus 😉
        (und biographismus wärs eigentlich auch nicht)

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  1. aber bleibt nicht benn auch im psychologismus stecken, ist dichtung (und literatur überhaupt) nicht eine sache die sich aus sich selber ergibt? die da ist, eben und sich entwickelt, die aber keinem bedürfnis oder ähnlichem entspringt. aller postreligiösen religiosität sollte an ein wenig positivistisch entgegnen: kunst ist, weil sie ist. es gibt keinen grund, sowenig wie für alles andere, aber wir können (vielleicht) die gesetze ihrer bewegung erkunden (ergründen).

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    • aber genauso lese ich zumindest dieses gedicht. viermal satzbau stehn dafür. nicht nur steckt in dem faustzitat viel bennsche ironie. satzbau steht für artistik als ihr eigener wert. meinetwegen der „letzte“. „ein antrieb in der hand“, (den „handbetrieb der moderne“ verspottet später, ich glaub braun war das mal, wenn nicht, auch gern enzensberger). benn setzt (hier!) auf die hand die sätze baut. ein handwerksmann. meinetwegen verspäteter heilsbringer, das „aber“ folgt auf dem fuße. nein, wo benn nicht raunt, warum wieder was hineingeheimnissen? das tut dann eher schlaffer wenn er das gedicht für verspäteten götterdienst erklärt.

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