97. Kommt, ihr Geister!

In seinem neuesten Buch zeigt Schlaffer, wie eine ganze Gattung die Neuzeit hintergeht. Lyrik ist, so liessen sich Titel und Untertitel erläutern, ein archaisches Sprechen, das seltsamerweise unter Bedingungen der Moderne überlebt hat. Die ältesten überlieferten Gedichte Europas und Asiens sind zweckgebunden: Kultlieder und Zaubersprüche, die «Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, den Feinden schaden» sollen. Um den übernatürlichen Wesen – Göttern wie Dämonen – Eindruck zu machen, entwickeln die sterblichen Menschen kunstvolle Formen der Anrufung, der Preisung, der Beschwichtigung, der Bannung. Im geschichtlichen Rationalisierungsprozess geht der Zweck dieser «Geistersprache» verloren, die Mittel aber bleiben. Und sie vor allem sind es, denen grosse Poesie ihre Wirkung verdankt.

Gut, wird mancher nun sagen, unbestreitbar geht die Lyrik auf kultische Anfänge zurück. Reden wir heute aber von der «Sprachmagie» eines Dichters, dann ist damit doch nichts anderes gemeint als seine Fähigkeit, seiner individuellen Erfahrungswelt in klangvollen und rhythmisch mitreissenden Versen Gestalt zu verleihen. Genau dieses seit der Goethezeit dominierende Subjektivitätsmodell der Lyrik will Schlaffer jedoch entkräften. Das lyrische Ich auch in neuzeitlichen Texten ist für ihn weit eher eine kultische Instanz als ein Privatmensch, der sich mitteilt. Gedichte, so die aufregende Grundthese, wenden sich von der Sprechhaltung her eigentlich gar nicht an ihre Leser; sie machen diese vielmehr zu Zeugen einer Kommunikation mit dem Übernatürlichen. Nur deshalb können sie ein Publikum «verzaubern». …

Rezepte für den «richtigen» Umgang mit Gedichten gibt er nicht, sondern bekundet am Ende nur seine Skepsis gegenüber der sinnversessenen Interpretation. Dass das Lesen von Gedichten noch in der Moderne ein kultisches Fest ist, wenn auch ein einsames, weist er jedenfalls überzeugend nach. / Manfred Koch, NZZ

Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Carl-Hanser-Verlag, München 2012. 204 S., Fr. 29.90.

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