83. Erforschung und Neu-Verfugung

Aus dem „Wallungswert“ der einzelnen Wörter entsteht wie bei Benn jene vokabuläre Spannungszone, in der die „Zusammenhangsdurchstoßung“ vollzogen wird, „nach der die Selbstentzündung beginnt“.

Michael Fiedler beschreibt diesen Vorgang im Habitus eines experimentellen Dichters als Erforschung und Neu-Verfugung von Wortgruppen. In einem Gespräch mit Jan Kuhlbrodt, das zur Grundlage des Nachworts in „Geometrie und Fertigteile“ geworden ist, verweist der Autor auf seine spracharchäologischen Expeditionen im Internet: „Vielleicht sind das auch Ausflüge in unser kollektives Bewusstsein, das sich im Internet offenbaren kann . . . Einige Texte beziehen ihr Material vornehmlich aus Online-Quellen wie zum Beispiel Google-Suchergebnis-Anzeigen.“ Dieses Bekenntnis scheint typisch für eine neue Dichtergeneration, die ihre sprachhistorische Arbeit aus der „Bibliothek von Babel“ (J. L. Borges) ins Internet verlagert hat. Die konzentrierte Prüfung vorgefundener Sprachmaterialien, wie sie Fiedler aus Online-Quellen bezieht, unterscheidet sich aber nur graduell, nicht substantiell von jener Form der etymologischen Spurensicherung, wie sie sprachbesessene Dichter früherer Generationen im Hinblick auf Wörterbücher oder Enzyklopädien betrieben haben. Es geht also nicht um eine „gegoogelte Resterampe“ historischer Bruchstücke, wie auch wohlmeinende Rezensenten seines Debüts argwöhnen, sondern um eine artistische „Montagekunst“, technisch hergestellt durch ein Cut-Up-Verfahren und theoretisch fundiert auf einem sprachhistorischen Erkenntnisinteresse. / Michael Braun, Sprache im technischen Zeitalter Nr. 201, S. 4-5

Michael Fiedler ∙ Geometrie und Fertigteile, Nachwort von Jan Kuhlbrodt, 63 Seiten, Hardco­ver mit Schutz­umschlag, poe­tenladen Verlag, Leipzig 2011.

Mehr: Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung

4 Comments on “83. Erforschung und Neu-Verfugung

  1. Ja, gern mehr so was. Für die Facebookresistenten. Mein Gravatar ist übrigens schöner als der von Goethen. Irgendwie blumen.

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  2. Etwas verwunderlich für mich im ersten Augenblick, dass Michael Braun nun selbst noch Michael Fiedlers auf Benn bezieht. Eigentlich staune ich seit dem berühmten Bella Lyriksonderheft (vor Jahren) darüber, wie sehr von der jungen Dichtung Bezüge zu Benn hergestellt werden. Und Fiedler kann ein außergewöhnlicher Benn- Bezug nun gewiss nicht nachgesagt werden. Sicherlich ist die Beobachtung zu der zentralen Bedeutung der Substantive richtig. Aber man hätte diese Konzeptualisierung auch athmosphärisch richtiger bei Czernin beziehen können.
    Und so sehe ich in der Herstellung des Bennbezugs bei Michael Braun eher ein vermittelndes, als ein beschreibendes Element: „Leute hört her, ihr braucht vor solchen Montagen keine Angst haben – zumindest wenn ihr Benn gelesen habt, bzw. überwindet Euch, wenn ihr ihn für bedeutsam haltet.“ So wird mir Norbert Hummelts Argumentation in „Wie ein Gedicht entsteht“, welche die konservativen geniehaft auratischen Momente betont und einen zu starken Reflex auf den artifizell-technischen Aspekt bei diesem Dichter rügt, dann doch noch plausibler als der Ausdruck einer der meinen ähnlichen Verwunderung. (Freilich argumentiert er zu anderen Zwecken.)

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