107. „Aufgescheuchte Kinder“ (achgott leitn#)

Endlich kommt Niveau in der Debatte:

Axel Kutsch hielt sich in seinem zornigen Kommentar bewusst mit der Nennung von Namen zurück. Sein kleiner Kunstgriff erwies sich als wahrer Kunstkniff, da sich etliche vermeintlich Betroffene – die ersten von ihnen schon wenige Minuten nach der Publizierung des Beitrags – erbost im Internet zu Wort meldeten. So begannen ausgerechnet viele geförderte Autoren und Kleinverleger, darüber wilde Spekulationen anzustellen, wen Kutsch mit seiner Attacke wohl gemeint haben könnte. Manche Kommentare lesen sich fast so, als wären sie von aufgescheuchten Kindern gepostet worden, denen zuvor ihre Eltern bzw. Vater Staat mit Taschengeld-Entzug gedroht hätten. Einige Kommentierungen wirken seltsam naiv und geradezu entwaffnend ehrlich. So wundert sich ein vielfach preisgekrönter Lyriker selbst darüber, von seiner „Lyrik leben zu können“ und vermutet, er würde aus sozialen Gründen gefördert: „Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte“. Was er – wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen – übersieht, ist, dass ihn nicht die Lyrik, also seine Leserschaft, ernährt, sondern Subventionen und Preisgelder, die größtenteils aus Steuergeldern stammen.

17 Comments on “107. „Aufgescheuchte Kinder“ (achgott leitn#)

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  2. ich bin dafür, dass man es in zukunft wie die musikbranche handhabt, keinem jeweils eigenen ästhetischen ideal folgend (wird ja eh ständig nur untergraben von allen opportunistischen jurymitgliedern, verlegern, dichtern [also von allen, die nicht mit leitner und co befreundet sind], haben doch alle nur angefangen, sich für literatur zu begeistern, um sich später zynisch die preise zuzuschanzen, egal, was sie von der lyrik – in echt jetzt – halten) alle gedanken über das schöne, interessante, neue sein lässt, nur noch gute verkaufszahlen belohnt. eine goldene druckerkartusche für 10.000 verkaufte gedichtbände, platin bei 50.000. das wird uns dann zeigen, wer die wirklich richtigen dichter sind, nicht diese schauspieler, die von anfang an nur so tun, und dann nichts reißen.

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  3. bei so viel perfidie juckt es selbst einen insgesamt eher sanftmütigen gegendiffamierung zu betreiben. allerdings reicht es völlig aus, auf den interessanten gegensatz zu verweisen, dass hier dana gioia (denke man über ihn was man will) zitiert wird:

    „Poesie hat Erfolg, wenn bei Lesungen mehr die Dichtung als das Ego des Dichters gefeiert wird“

    und wir dann Selbstinszenierungen wie diesen ausgeliefert werden http://www.youtube.com/watch?v=ZLcCklQ7-74

    Anton G Leitner tut dies, Anton G Leitner tut das, Anton G Leitner macht jenes. Anton G Leitner, Anton G Leitner, Anton G Leitner. Wer sein eigenes Interesse so über das der Autoren der eigenen Zeitschrift stellt, sollte zumindest was „persönliche Eitelkeiten“ angeht, etwas vorsichtiger in die Tastatur langen.

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  4. DAS schöne an ulfs beitrag war, das er eine position mitteilte und gut. was ulf nicht tat, war sich auf eine ebene persönlicher diffamierung hinab zu begeben.

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  5. übrigens ich war als siebtel der jury beteiligt, die ulf stolterfoht den huchelpreis zuerkannte. die übrigen juroren (es ist ja keine geheimjury) waren: urs allemann, peter geist, cornelia jentzsch, angelika overath, thomas poiss, bettina schulte. lauter honorige leute unterschiedlicher provenienz (allenfalls gab es 2 jahre lang zufällig eine leichte dominanz von juroren ostdeutscher herkunft, die aber, da der süddeutsche stolterfoht gewählt wurde und auch im andern jahr kein ostdeutscher, nicht als ostblock zum tragen kam). manche von ihnen stimmten in einer mehrheitsentscheidung für, manche gegen stolterfoht, die soziale situation der autoren spielte zu keiner zeit eine rolle, es wurde nur über texte diskutiert. ich erinnere mich, daß einzelne jurymitglieder texte vorlasen, zur anschließenden diskussion. es hat mir spaß gemacht. ulf stolterfoht bin ich erst bei der preisverleihung in staufen persönlich begegnet. es wird ja gern geraunt über betriebsmauscheleien – ich hab in meinen 4 juryjahren keine einzige erlebt. sie sind übrigens vorbei, es war auch meine einzige jurorenschaft. da war kein betrieb nirgends, wer andres behauptet ist nicht informiert punkt. (allenfalls gebe ich zu, daß ich nach meinem gusto und urteil entschieden und diskutiert habe, der oder das nicht mit dem urteil und gusto von x oder y übereinstimmen muß. deswegen heißt es ja jury)

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  6. Es ist ja nicht nur eine Diffamierung von Ulf Stolterfohts Werk, die hier betrieben wird, sondern auch eine Desavouierung seines Verlegers und der Jurymitglieder, die Preise und Stipendien an Ulf vergeben haben („So wundert sich ein vielfach preisgekrönter Lyriker selbst darüber, von seiner „Lyrik leben zu können“ und vermutet, er würde aus sozialen Gründen gefördert.“). Der Tenor dieser aus dem Zusammenhang reißenden Zitation soll wohl sein: Den Stolterfoht liest doch eh keiner; der lebt nur von Staatskohle! Das erinnert an Praktiken der Regenbogenpresse. Stammtischmäßig ist auch die Schulterklopferei unter Gleichgesinnten und deren Kontrastierung durch die pauschale Herabwürdigung unliebsamer Andersmeinungen („von aufgescheuchten Kinder gepostet“; „Taschengeldentzug“; „seltsam naiv“). Sowas erscheint mir menschlich unanständig zu sein, zählt man hinzu, dass auf der Homepage der Zeitschrift von A.G. Leitner die „Ode an die Freude“ im Verbund mit Kollegen rezitiert als Clip bereitgestellt wurde http://www.youtube.com/watch?v=6srAvZDjkKE&feature=youtu.be … da war doch so eine Zeile drin, „alle Menschen werden Brüder“ … Mir drängt sich da die Frage auf: wie groß wohl die Schnittmenge der Stolterfohtkenner und -bewunderer mit der Schnittmenge der Abonnenten von DAS GEDICHT ist – und was der Mobbingversuch gegen Ulf Stolterfoht damit zu tun hat: Schreib verkäuflich/populär oder komm erst garnicht auf die Idee veröffentlichen zu wollen, denn sie sieht Dich und hat Dich jederzeit bei den Eiern, die Lyrik-AG! Dass die Kolonisierung der Lebenswelt auch den Bereich der Poesie umfassen soll, das war mir noch nicht in diesem Maße bewusst. Danke für die Nachhilfe!

    Knappschaft ahoi!

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    • Hmm, als relativ unbeteiligter Mitleser würde ich sagen: Kann man vielleicht mal die Kirche im Dorf lassen?! Ich sehe nicht, dass hier (bzw. dort, auf Leitners Seite) Ulf Stolterfohts Werk diffamiert wird. Und wo genau hab ich den Mobbingversuch gegen Stolterfoht übersehen?

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      • Danke für den Hinweis: Die Kirche im Dorf zu lassen! Ich habe noch nie eine Kirche aus einem Dorf entwendet. Das mag am Gewicht liegen.

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  7. Das Universum in der Nußschale: Interessant zu beobachten, wie sich der doch, nun ja, teilweise differenzierte Diskurs aus der Lyrikzeitung unter Beiziehung einiger weniger Hilfsargumente und einiger Unterstellungen aus eben dem Diskurs wieder runterbrechen lässt auf das Herrschende. Bereits Foucault spricht ja von sogenannten Leit- (Light- oder auch Leitner)diskursen die Herrschaft ausüben und alles andere als verrückt marginalisieren.
    Um der Gefahr zu entgehen, hier einen Lyriker mit zahlenmäßig einem der bedeutendsten Oevres zu marginalisieren oder gar totzuschweigen: Anton G. Leitner verfasste neben seiner Tätigkeit als beamteter Jurist und Herausgeber zwischen 1980 und 2005 (nach eigenen Angaben) 500 Werke dieser individuellsten der Gattungen. Ob und wie viele Gedichte er seitdem verfasst hat, weiß ich nicht.
    Desgleichen gibt er für eine Zeitschrift für Gedichte heraus. Sie heißt „Das Gedicht“ und wird jedem gerne von der deutschen Post gesendet.
    Über Christian Lux sinnreiche Kommentare schweigt er.

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  8. Zitat: „So begannen ausgerechnet viele geförderte Autoren und Kleinverleger, darüber wilde Spekulationen anzustellen, wen Kutsch mit seiner Attacke wohl gemeint haben könnte.“
    Das stimmt schlichtweg nicht.

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  9. ich möchte jedenfalls nicht dort leben, wo das existenzrecht sich am marktwert festmacht, weder das der dichtung, noch das des dichters. wenn sich nur ein leser findet, ist es gut,

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