91. Prager Dichter?

So interessant und wichtig das lyrische Werk des Prager Dichters Rainer (ursprünglich René) Maria Rilke für die Nachwelt geworden ist – seine politischen Ansichten sind mit großen Vorbehalten zu betrachten. So feierte er Benito Mussolini und Italiens Weg in den Faschismus, den er trotz seiner Verherrlichung der Gewalt als ein Heilmittel gegen die Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ansah. Ambivalent war auch sein Verhältnis zu den Tschechen: Es spiegelte die gängigen Meinungen vieler – auch wohlmeinender – Prager Deutscher der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wider.

Die Tschechen waren für sie – nämlich die Deutschen, die sonntags „am Graben“ (Na příkopě) promenierten, während die begüterten Tschechen streng voneinander getrennt auf der Národní třída, damals noch nach dem österreichischen Ferdinand benannt, herumspazierten – ein unterentwickeltes Bedienervolk. Rilke bezeichnete sie als „junges“ Volk, das sich – daher der Hass auf die Deutschen – gegen das „alte“ Volk der Deutschen auflehnt; anders ausgedrückt: Das Volk der Tschechen war seiner Meinung nach ein zweitklassiges gegenüber dem deutschen Volk, das der ersten Klasse angehörte. Rilke schätzte an den Tschechen einerseits eine folkloristische Grundstimmung, glaubte bei ihnen eine schwermütige und realitätsferne Lebenshaltung zu erkennen und lehnte andererseits jedes Recht auf politische Betätigung der Tschechen – vor allem ihre nationalen Bestrebungen – ab. Dabei lebten um die Jahrhundertwende neben 475.000 Tschechen lediglich 35.000 Deutsche (darunter 25.000 Juden) in Prag.

Am Rande bemerkt: Prag als deutsche Stadt zu bezeichnen, wie unter den Deutschböhmen üblich, war weltfremd. Der deutsch-böhmisch-jüdische Literaturwissenschaftler Peter Demetz hat die herablassende Haltung Rilkes gegenüber den Tschechen perfekt beschrieben. Sie entsprach dem allgemeinen Standpunkt der Prager Deutschen, von denen viele glaubten, keine Nationalisten zu sein. Umstritten ist bis heute, ob Rilke Tschechisch sprach und verstand; Demetz nimmt eher an, dass dem nicht so war.

So sehr Rilke die deutsche und französische, aber auch die tschechische Lyrik (etwa Vrchlický und Vladimír Holan) seiner Zeit beeinflusste – eine Auswirkung auf die spätere deutschsprachige Literatur in Böhmen und Prag hatte sein Werk nicht. Rilke war ein europäischer Dichter; dass er in Prag geboren wurde, ist in seinen wichtigeren Werken ohne Bedeutung. / Helmut Böttcher, Prager Zeitung

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