92. Brauns Zeitschriftenlese

Die neue „Volltext“-Ausgabe wartet mit einem Experiment auf, das auf die Ent­hierarchi­sie­rung des Literatur­betriebs zielt, im Grunde aber nur eine uralte Idee neu auflegt. Die Namen der Heft-Autoren sind nämlich anonymi­siert, um die Aufmerk­samkeit ganz auf den Inhalt und den stilis­tischen Habitus der einzelnen Beiträge zu lenken. Die Sabotage am eitlen Autorenkult ist jedoch nur halbherzig durchgeführt, denn wer die Autoren­namen erfahren will, braucht nur die Internet-Seite von „Volltext“ aufzu­rufen. Das biedere Anonymus-Spiel sollte uns daher nicht weiter beschäftigen, dafür aber die durchweg von Schrift­stellern verfassten Kritiken in dieser Ausgabe.

Volltext Nr. 3/2011  externer Link  
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.

Die Dichterin Sylvia Geist folgt in ihrem Essay „Das Aber der Apri­kosen“ den Spuren der Kon­junk­tion „Aber“ vom Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm bis hin zur Welt­dichtung Inger Chris­tensens. Hier isst ein sehr poetischer, auch in seiner Viel­gestal­tig­keit großartiger Essay entstan­den, der ein kleines Wort in seiner äußeren Gestalt wie auch in seinen inneren Hall­räumen und Kon­notationen prüft.
Solche mikroskopischen Untersuchungen an unscheinbaren Wörtern oder Naturphänomenen sind in der deutschen Essayis­tik selten geworden.

Edit Nr. 56,  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.

Der Spatz sei ein Räuber, ein Nah­rungs­konkurrent des Menschen, er sei auch der Unkeuschheit überführt, zudem strapaziere er uns durch seinen ohren­belei­digenden Gesang. Die Beliebt­heit dieser Vögel ohne jeden pracht­vollen Feder­schmuck ist denkbar gering. Einzig die Dichtung weiß den grauen Vogel, der uns seit der Jung­steinzeit begleitet, noch zu würdigen. Etwa Durs Grünbein in seinem schönen Gedicht „Noch eine Regung“: „Grüß dich, Sperling in der Pfütze, guter Geist, / Da am Wegrand badend, immerfort gehetzt. / Weißt ja längst, was demnächst jeder weiß, / Deine Regenfrische sagts. – Ich übersetze: / Tschilp, tschilp, wie fragil ist dies fossile, / Euer Monstrum, tschilp, Gesellschaft doch.“

Lettre International 94  externer Link
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 140 Seiten, 11 Euro.

Der zweite Grenz­überschreiter in „Am Erker“ ist ein wuchtiger Außenseiter der späten DDR-Literatur, der früh gestorbene Punk-Poet „Matthias“ BAADER Holst. Der einst aus Halle an den Prenzlauer Berg gekommene Autor musste in seinem schmalen Werk immer besonders dick auftragen, um in seiner Exzentrik bemerkt zu werden. In seinem Text „viel spaß auf der titanic“ hat Holst seinen Platz in der Literaturgeschichte anvisiert: „ich halte dir einen platz frei in der welt­geschichte vielleicht zwischen beowulf und brechreiz vielleicht zwischen benn und bethlehem vielleicht in der straßenbahn“. Bei Benn und Bethlehem war dann doch kein Platz mehr frei. Eine Straßen­bahn wurde ihm zum Verhängnis. Ende Juni 1990 wurde BAADER Holst in der Oranienburger Straße in Berlin unter nie geklärten Umständen von einer Straßen­bahn angefahren und erlag eine Woche später seinen Ver­let­zungen.

Am Erker 61  externer Link
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.

/ Michael Braun, Poetenladen

3 Comments on “92. Brauns Zeitschriftenlese

  1. danke für die richtigstellung. just heute bot mir meine buchhandlung 2 neue baader-titel. das großformatige materialbuch mit vielen abbildungen, faksimiles, texten und eingelegter schallplatte und für nur 3 € heft 2 der lyrikreihe versensporn mit trotz des kleinen umfangs und preises 10 texten aus dem nachlaß. in einer rezension steht, es sei nicht im buchhnadel erhältlich: dann dank ich aber meiner buchhandlung, buchhandlung scharfe in greifswald, daß sie es mir trotzdem besorgt hat! jetzt werd ich aber abonnieren!

    * Tom Riebe (Hg.):»Matthias« BAADER Holst: hinter mauern lauern wir auf uns. Drei Textsammlungen und verstreute Texte aus den inoffiziellen und offiziellen Publikationen bis 1990. Hasenverlag Halle/Saale, 2011.274 S., mit CD, 19,80 €
    * VERSENSPORN – Heft für lyrische Reize. Nr. 2: »Matthias« BAADER Holst. Mit einem Umschlagmotiv von »Matthias« BAADER Holst. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2011. 3 €
    * Moritz Götze & Peter Lang: »Matthias« BAADER Holst. Materialbuch. Hasenverlag Halle/Saale, 2011. 140 S., mit Schallplatte, 29,80 €

    http://www.jungewelt.de/2011/08-06/015.php

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  2. Im letzten Abschnitt der »Zeitschriftenlese« erfuhr ich zu meiner Freude, daß die neueste Ausgabe von »Am Erker« sich u. a. dem »wuchtigen Außenseiter« BAADER Holst widmet. Um herauszufinden, um welche Art von Beitrag es sich handelt, schlug ich sogleich den Link zur Website ein. Im Inhaltsverzeichnis ermittelte ich Martin Brinkmanns »Beischlaf, Schuhcreme oder Schießbefehl«. Dies ist nun aber kein neuer Text, sondern eine leicht redigierte Fassung des bereits am 16.11.2010 in der »Zeit« erschienenen Artikels »Zwischen Beowulf und Brechreiz« (siehe http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-11/matthias-baader-holst). Der Autor hat einige Passagen formal präzisiert, aber keine neuen Fakten eingeführt; offensichtliche Fehler wurden beibehalten: So ist der Geburtsort von Matthias Holst Quedlinburg, nicht Halle/Saale. Es wäre auch kein Problem gewesen, die von Mario Mentrup reklamierte Erwähnung von Erich Maas, BAADER-Verleger und Regisseur des Films »Briefe an die Jugend des Jahres 2017«, nachzuholen. Statt dessen gibt es weiterhin einen Überfluß an objektivistischen Behauptungen, die meist ohne Begründung bleiben. Hier ein Beispiel: »Was zunächst erfrischend anders klingt, von unbändiger Kraft und verzweifelter Wut scheint, ermüdet auf die Dauer«, bemerkt der Autor zu BAADERs Poesie. Gut, ihn mag es ermüden; dann soll er es aber auch hinschreiben. An anderer Stelle meint Brinkmann, daß »ein Gedicht […] noch ratloser [macht]« – ja, ihn vielleicht. Warum pocht er gerade bei einem Gedicht von BAADER Holst auf »Verständlichkeit«? Wenn ein Gedicht sich mir nicht erschließt, muß es nicht am Gedicht liegen. Und falls es »Nonsens« sein sollte, was hat es dann mit dem »Unsinn« auf sich, mit Terentjews »Feuerhaken des Schöpfertums«?
    Fazit: Michael Brauns »Zeitschriftenlese« lockt im Fall BAADER auf eine alte (falsche?) Fährte, und Martin Brinkmann, der selbst eine Magisterarbeit zu Leben und Werk von BAADER Holst verfaßt hat, kocht mit an einer Suppe, die in unterschiedlichen Töpfen zum Zweck der Vertiefung bzw. Zerschlagung des »BAADER-Mythos« zubereitet wird. Mein Eindruck ist, daß dabei die sachliche, konsequente Auseinandersetzung mit dem BAADERschen Werk auf der Strecke bleibt.

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