127. Rathauslyrik

Politiker (und andere mit ihr befaßte Berufsgruppen wie Journalisten) halten ihre Sprache für wesenhaft, exakt und zupackend. Die der Lyrik halten sie für ungenau, blumig und nicht zu fassen. Wenn also ausnahmsweise ein Politiker mal nicht die exakte Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt, sondern drumherum redet und die Fakten verblümt, nennen sie es „Lyrik“, vom Bundestag bis zum kleinsten Rathaus. Wie hier in der Badischen Zeitung:

Rathauslyrik

Verwaltungsvorlagen, Satzungsänderungen und Diskussionen um eben jene sind eher trockener Natur und selten sprachliche Spaßbäder. Es geht auch anders. Einen Sonderpreis für Lyrik in der Kommunalpolitik verleihen wir diese Woche Gerhard Homberg von der CDU-Fraktion im Friesenheimer Rathaus. Schön, wie er für den Verbleib der Gemeinde in der Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau argumentierte, obwohl nach Ansicht von Kritikern nach drei Jahren keine zählbaren Ergebnisse zu erkennen seien: „Die Früchte einer solchen Mitgliedschaft haben ein lange Reifezeit.“

Weitere Beispiele finden sich en masse, wie hier:

Aber das ist nur die gemeine Realität. Polit-Lyriker können das natürlich sehr viel gefälliger formulieren. „Wir wollen eine Gesundheitsfinanzierung, die niemanden überlastet und die solidarische Gerechtigkeit für Geringverdiener und sozial Schwache gewährleistet“, dichten etwa die Unionsschwestern.

Wenn CDU und CSU die Arbeitgeberbeiträge bei 6,5 Prozent einfrieren möchten, dann nennen sie das „Solidarisches Gesundheitsprämien-Modell“ (Veröffentlichung der CDU vom Montag).

Bei den Grünen heißt das 6,5-Prozent-Vorhaben „Die grüne Bürgerversicherung“ und das zugehörige Spiegelstrich-Stakkato: „- leistungsfähig, – solidarisch, – modern“ (Beschluss der 23. ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz vom 2. und 3. Oktober).

Die SPD wiederum hat „Die Solidarische Bürgerversicherung“ im Portfolio. Deren genaue Spezifikation noch von einer Task-Force unter Leitung von Andrea Nahles ausgearbeitet werden soll.

(Achim Killer, silicon.de)

Oder hier:

Lionel Jospin hat gehandelt, mit bewundernswerter Ehrlichkeit, und hat mehr geleistet, als viele Regierungen vor ihm zusammen: die 35 Stunden wöchentliche Arbeitszeit, wirksame Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, kostenlose Medizin für Unbemittelte. Er war ein großer Diener des Staates. Jeder wußte es, aber keiner hörte zu. Die Republik blieb stumm, sie meldete sich nicht mehr, verzichtete aus Bescheidenheit auf Lyrik und Feierlichkeit. Wenn die Republik redete, tat sie es in einer technokratischen, kalten Sprache, die keinen interessierte. Selten war die Klasse der Intellektuellen und der politisch Gebildeten so abgeschnitten von der „Basis“, vom Wähler, sie sprach kaum noch dieselbe Sprache.

(Georges-Arthur Goldschmidt, FAZ 4.5.2002)

Hier:

Wie sie sich winden! Wie sie interpretieren und doch nicht dahinter kommen! Wie sie schlingern und Worthülsen ausspucken! Vor den Bildern des Leipziger Malers Neo Rauch werden Kritiker zu Lyrikern, die eine Welt erdichten wollen, die es nicht gibt. Hilflos stehen sie angesichts dieser eigenartigen Figuren, die komische Dinge mit heiligem Ernst und großen Gesten tun, vor seinen Bildern.

(Die Welt 5.8.2002)

Oder hier:

Schröder ist in die Rolle zurückgekehrt, die ihm liegt: Pragmatisch, nüchtern liefert er eine Bestandsaufnahme ab, was „kurz- und mittelfristig“ anliegt. Die Lyrik ist verschwunden. Kein Wort mehr aus dem sozialdemokratischen Zitatenschatz, keine blumigen Verrenkungen. Statt Leitlinien gibt es Leitplanken für jene, die der Gedanke an grundlegende Veränderungen schreckt.

(Hannoversche Allgemeine 5.12.2002)

Oder noch ein Fund von heute:

Für große Aufregung sorgt Heinz Rudolf Kunze eigentlich kaum noch. Als er in den 1980ern antrat, um ellenlang mäandernde schlaue Texte zur Klampfe vorzutragen, war das noch anders. Da beschimpfte mancher den studierten Germanisten als singenden Oberlehrer. Der allerdings umgehend seinen Plattenvertrag bekam und in die Deutsch-Rock-Oberliga aufstieg. Freilich nicht mehr mit Germanisten-Lyrik, sondern mit Gassenhauern à la „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Finden Sie Mabel“.

(Märkische Allgemeine)

Für Zeitungs- oder Rundfunkmacher folgt daraus, daß sie ihre Leser / Hörer vor den Zumutungen dieser gefährlich pflanzenhaften Gebilde möglichst schützen müssen. 1951 sagte Benn:

wenn Sie am Sonntag morgen Ihre Zeitung aufschlagen, und manchmal sogar auch mitten in der Woche, finden Sie in einer Beilage meistens rechts oben oder links unten etwas, das durch gesperrten Druck und besondere Umrahmung auffällt, es ist ein Gedicht. Es ist meistens kein langes Gedicht, und sein Thema nimmt die Fragen der Jahreszeit auf, im Herbst werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legenden in Reime gebracht – kurz, bei der Regelmäßigkeit, mit der sich dieser Vorgang abspielt, jahraus, jahrein, wöchentlich erwartbar und pünktlich, muß man annehmen, daß zu jeder Zeit eine ganze Reihe von Menschen in unserem Vaterland dasitzen und Gedichte machen, die sie an die Zeitungen schicken, und die Zeitungen scheinen überzeugt zu sein, daß das Lesepublikum diese Gedichte wünscht, sonst würden die Blätter diesen Raum anders verwenden. (Probleme der Lyrik)

Nun, das ist vorbei. Es werden noch immer genau so viele Gedichte geschrieben und vielleicht auch an die Zeitungen geschickt, aber die bürgerlichen Medien haben kein Vertrauen mehr zum bürgerlichen Bildungskanon, der Gedichte von Schiller oder Rilke einschloß. Kaum eine Zeitung druckt noch regelmäßig Gedichte, selbst die FAZ hat das sehr eingeschränkt, und wenn sie ein Gedicht drucken, sagen wir von Thomas Kling, Elisabeth Borchers oder Mara Genschel*, melden sich empörte Leserbriefschreiber. Sie können einfach nicht dulden, daß auf den 40 oder 90 gedruckten Seiten etwas steht, ein paar Zeilen, die nicht aus ihrer Mitte kommen.

Und so hat auch der Deutschlandfunk seine löbliche Initiative, täglich ein Gedicht an unerwarteter Stelle ins Nachrichtenprogramm zu schmuggeln, zum letzten Jahresende eingestellt (mit dümmlicher Begründung). In Wirklichkeit ist es schon so, daß die (bei dreifacher Wiederholung) ungefähr drei Minuten von den 1440 des Tages mit Gedichtzeilen gefüllt sind. Wir hören Nachrichten, Kommentare, Phrasen, Lügen Tag für Tag Jahr um Jahr, daran sind wir gewöhnt: aber bitte kein Gedicht!

*) Nein, das Letzte war gelogen. Mara Genschel haben sie nicht gedruckt, sondern ihr Kritiker H.H. hat sich ihr Buch von einem kleinen Verlag kostenlos schicken lassen und dann im Stil der Leserbriefschreiber darüber gespottet.

Vgl. L&Poe 2008 Apr #80. Exp.-Basher und L&Poe 2008 Apr #82. Was soll das heißen?

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