80. Exp.-Basher

Eins hat die Frankfurter Allgemeine mit dem einstigen SED-Zentralorgan gemein. Ihre klugen Leser schlugen oder schlagen immer mal, wenns not tut, auf die überkandidelten Dichter ein. Thomas Kling mußte Häme aus FAZ-Zeitungsspalten entgegennehmen, vor drei Jahren ging es Anja Utler so (L&Poe 2005 Jul #21. „Traurig ). Jetzt scheint das die Zeitung selber in die Hand zu nehmen. Am 10.4. schrieb „H.H.“ (sollte sich dahinter der Großkritiker & Lyriker mit den gleichen Anfangsbuchstaben verbergen? Muß wohl so sein) einen hämischen Verriß über den ersten Band einer jungen Lyrikerin:

Auch das Experiment hat seine Tradition, also auch seine Epigonen. Von August Stramm bis zu Thomas Kling sind es hundert Jahre. Da muss man schon ziemlich jung sein, um das Spiel noch einmal zu spielen. Mara Genschel, Jahrgang 1982, ist es. „Mara Genschel muss man hören. Und sehen“, empfiehlt ein Dichterkollege im Klappentext. Das lässt schon vermuten, dass die Buchform nicht ganz so faszinierend ist. In der Tat. Manches klingt nach Jandl, anderes nach Kling, dem sie eines der Gedichte widmet. Oder sind es Rudimente von Gedichten? Etwa so: „EXIST & / glückl. in / botanischem / G. gesessen, / „m / pl teig mit / fleisch- oder / fischfüllg., in / öl“ gegessen. / (Sachlich mich ums / Sprachliche gedrückt).“ Eine Tagebuchnotiz, typographisch aufgemotzt – aber ein Gedicht? Man darf den selbstkritischen Schluss der Autorin umkehren: „Sprachlich mich ums / Sachliche gedrückt.“ Dagegen gibt es ein beinah brauchbares Bulettenrezept, brauchbar bis auf den misslaunigen Einschub „pantsch“ und die Aufforderung: „friss frikar / nach Bratzeit sechshundert sekunden.“ Da möchte man doch vom Genuss abraten.

 

Mara Genschel: „Tonbrand Schlaf.“ Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008. 76 S., br., 10,- [

 

Auch das Avantgarde-Bashing hat seine Tradition, wie der Jambus oder die Metapher, nun ja. Sich über „experimentelles“ Schreiben lustig zu machen ist (wieder) wohlfeil spätestens seit Enzensbergers Aufsatz über die „Aporien der Avantgarde“. Ulf Stolterfoht hat jüngst das Nötige dazu gesagt. Bertram Reinecke schickt eine Collage, ein „experimentelles“ Gedicht aus dem Text von „H.H.“:

 

Bulettenexperiment

 

Für H. H.

 

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20081. 6s .b;.,10, €.) –

 

ü.tti.

 

 

1 die so gekennzeichneten Stellen beziehen sich auf einen Artikel bei Faz.de vom 10.04.

 

 

Hier das Gedicht von Mara Genschel, das H.H. unerschrocken verwurstet hat:

 

postskriptum

 

T.EXT

ca. 37°,

so Zug,

viel Wind:

„stoben wild
lauter Zettel
um d. Doms
Haupt…“

EXIST. &
glückl. in
botanischem
G. gesessen,

„m/pl teig mit
fleisch- oder
fischfüllg., in
öl“ gegessen.

[Sachlich mich ums
Sprachliche gedrückt]

T.EXT jetzt
ca. nur noch
sechsndreißig.

[Will ich noch zurück]

Mo: Flug

 

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