55. Ungereimt und ungedeutet

«Das Leben ist kein Roman», schreibt Einzinger in «Ein Messer aus Odessa». Also ist es ein Gedicht! Wenn aber das Leben schon ein Gedicht ist, wozu dann noch Gedichte schreiben? Noch radikaler als im Roman beschränkt Einzinger in der Lyrik seine Rolle als Autor auf das blosse Anordnen des Ungeordneten. Seine Gedichte gleichen mittelalterlichen Gemälden, auf denen die Dinge ohne Raumperspektive bloss auf einer Fläche verteilt sind. Einzingers Lyrik ist nicht «minimal art», aber sie kommt mit wenig lyrischem Aufwand aus. Sie ist auch nicht «trash», aber die monoton geformten Strophen gleichen doch Halden, auf denen sich ansammelt, was abfällt vom Brauchbaren und Mitteilenswerten. Nur ist vielleicht dieser «Schutt, den die Tage anhäufen» (so eine Gedichtüberschreibung), schon wieder neues Baumaterial. … Seine lyrische Kunst ist die Kunst, die Dinge ungereimt und ungedeutet zu lassen. Alles steht für alles – und also nichts für nichts: «Friede den Schachteln & dem Entengemüse!» / Samuel Moser, NZZ 11.9.

Erwin Einzinger: Ein Messer aus Odessa. Gedichte. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2009. 142 S., Fr. 33.50. Erwin Einzinger: Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach. Roman. Jung und Jung, Salzburg 2010. 471 S., Fr. 36.50.

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