131. Märtyrer der Schlaflosigkeit

Der russische Dichter Innokentij Annenskij (1855-1909) treibt seine lyrischen Ich-Figuren ruhelos meditierend durchs Gestrüpp eines paradiesischen Gartens. Der seit der Kindheit herzkranke Grübler und Träumer, der 14 Fremdsprachen beherrschte und als Altphilologe sämtliche Tragödien des Euripides übersetzte, bewegt sich – wie ein Gedichttitel lautet – „zwischen den Welten“. Gennadij Ajdi nannte ihn den größten „Märtyrer der Schlaflosigkeit in der gesamten Weltpoesie“. Mit Wladimir Majakowski konzipierte er eine Zeitschrift , doch zum Futurismus neigte er kaum. Anna Achmatowa betonte später, sie hätte Klarheit und alltägliche Dinglichkeit von Annenskij gelernt. Mehr als der erste Gedichtband „Stille Lieder“ (1904) beeinflusste der zweite, postume Band „Das Zypressenkästchen“ (1910) nachfolgende Generationen. Die erste deutschsprachige Auswahl aus dem Gesamtwerk des melancholischen Dichters setzt hier ihren Schwerpunkt. Besonders die wegweisenden „Dreiblätter“ lassen erkennen, dass der stille Einzelgänger keiner Richtung als der der eigenen Seelenbewegung verpflichtet war. Die Dreiblätter des Feuerglühens, des Eises, des Papiers, der Einsamkeit, des Verhallens und der Verführung sind auf verblüffende Weise assoziativ miteinander verwoben. Lautmalerische Gedichte wie „Glöckchen klingen“ wirken wie Vorgänger moderner Lautpoesie. / Märkische Allgemeine

Außerdem in der Sammelrezension: Steffen Jacobs

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