83. William Carlos Williams (1883 bis 1963)

Seit 2006 gibt es bei den Kunstfesten auf dem Campus der DRK-Kliniken im Westend in Berlin den Programmschwerpunkt ‚Dichter und Ärzte‘. Nach Gottfried Benn, der 1911/12 als junger Pathologe im Westend Brustkörbe öffnete, und Alfred Döblin, der in der Weimarer Republik am nahen Kaiserdamm wohnte, stand in diesem Jahr der amerikanische Landarzt, Lyriker und Romancier William Carlos Williams (1883 bis 1963) im Mittelpunkt. Das war eine gute Wahl. Williams gehörte der gleichen Generation an wie die deutschen Ärzte, war wie sie von den Aufbruchsbewegungen der europäischen Avantgarden geprägt. Er hatte die ‚Armory-Show‘ 1913 in New York mit den Bildern der Kubisten gesehen, verkehrte in den Zirkeln der Ostküste, in denen 1916 Marcel Duchamp auftauchte, war ein Jugendfreund von Ezra Pound und Hilda Doolittle. …

Aber wie vollzog sich die Wechselwirtschaft zwischen medizinischer Erfahrung und lyrischer Form? Michael Krüger, als Lyriker und Williams-Herausgeber eingeladen, versuchte es mit dem Rückgang auf die archaische Nähe von Poesie und Heilkunst. Gehörte zum Zauberspruchwesen der Dichtung nicht auch, dass man den Worten heilende Wirkung zutraute? Es kam aber bei Williams, wie der Amerikanist Heinz Ickstadt zeigte, etwas sehr Modernes hinzu: Für den Arzt in Rutherford war der Geburtsvorgang, das ‚Nackt-in-die-Welt- Kommen‘ eine Schlüsselmetapher, weil sie den Kern seiner Poetik umschloss, die Skepsis gegen die Gelehrsamkeit Ezra Pounds ebenso wie gegen die Feier der Tradition bei T. S. Eliot. / LOTHAR MÜLLER, SZ 7.6.

(Anmerkung: Nachträglich nehme ich diesen Beitrag in meine Anthologie auf – siehe Anmerkung).

5 Comments on “83. William Carlos Williams (1883 bis 1963)

  1. Für eine Gedenkplakette ist das Gedicht vermutlich etwas lang, aber mehr als angemessen.
    Was im Vergleich zu Pound, doch Eliot erst recht, heraussticht ist die Bodenhaftung einiger Sujets. Etwa wenn Williams die O-Töne aus seiner Praxis sammelt und daraus ein Gedicht wie „Portrait of a Women in Bed“ macht. Alles mit sozialem Gewissen. Grüsse zurück!

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    • Zum Gewissen wäre noch hinzuzufügen: ohne ästhetischen Dünkel gegenüber artifizielleren Schreibansätzen. Einer von Williams wichtigsten Freunden war Louis Zukofsky, den man bei New Directions beispielsweise für unlesbar gehalten hat (jetzt kommen dort die gesammelten Werke heraus).

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  2. An einem heißen Tag
    in der Bäckerei (Reitbahn-
    straße) ich sitze
    und trinke Kaffee.

    Gegen Mittag tritt sie
    aus dem Laden
    mit dem roten
    Plasteeimer,

    geht zu den Blumen
    gebeugt
    vor den kleinen Töpfen
    mit Grünzeug steht sie.

    Ich halte den Atem an.
    Nur für eine Sekunde jetzt
    möchte ich
    an ein Wunder glauben,

    wie sie dort steht
    und jeden Topf einzeln
    ins frische, glas-
    klare Wasser taucht.

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  3. Sie haben Recht: Sartorius ist der Herausgeber und Krüger der Verleger. William Carlos Williams: Ausgewählte Werke in Einzelausgaben. Carl Hanser Verlag 1987 ff. Gedichte (Der harte Kern der Schönheit. Ausgewählte Gedichte. Amerikanisch und Deutsch) 1991. Unter den Übersetzern sind auch 3 Leipziger: Thomas Böhme, Peter Gosse und Heinz Czechowski (der bis 1990 in Leipzig war).
    Ich liebe das Buch. Loben wir den Verleger, der eine zweisprachige Ausgabe machte (der Gedichte). Tolle Erinnerungen. Complete Destruction! Und tolle Metaphern: „Your thighs are appletrees“ (Portrait of a lady). Farben! Welcher Dogmatiker sagt keine Farbadjektive? Der war von den Malern besessen (Brueghel saw it all … faithfully recorded it), sie überlagern seine Wahrnehmungen, die sind gleichwohl authentisch, einfach gesehen. Winter: red dirt, leather-green leaves. Pink wie Akazie und Wicke. Farbadjektive in ganzen Zeilen. dreimal yellow (Love Song). Viermal: Yellow, yellow, yellow, yellow (so beginnt Primrose). Überhaupt Blumennamen. Und eins noch:

    Spring

    O my grey hairs!
    You are truly white as plum blossoms.

    (Als ich das las, war mein Haar noch nicht grau.)
    Wegen dieser Wiederbegegnung wird diese Anmerkung Teil meiner Anthologie, natürlich: Dingfest. Gruß nach Leipzig!

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  4. Gab nicht Joachim Sartorius die ausgewählten Werke heraus?

    Williams lebte übrigens in Leipzig. Ein paar Monate vor dem Ersten Weltkrieg. Südvorstadt, Münzgasse. Zeit für eine Gedenkplakette.

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