146. Beton

Ich bin nicht unbedingt ein Freund von Eva Strittmatters Gedichten; aber gar nicht wenige Verse hängen mir im Kopf. Der trochäische Rotdorn meiner Kinderjahre fällt mir jedes Frühjahr ein, und ein Pasternakgedicht beginnt: „Einer ist hinausgegangen./ Und der Winter fiel auf ihn./ Mit ihm hat es angefangen“, und endet mit einem Pasternakzitat: „Und er schrieb: es schneit, es schneit…“ Es erschien 1980 in dem Band „Zwiegespräch“. Ein weiteres Gedicht aus dem gleichen Band habe ich damals beim Lesen ebenfalls auf Pasternak bezogen (es liegt vielleicht nahe):

Bitte

Sei sanft, wenn du kannst, das Leben
Ist sowieso hart und schwer.
Vielleicht hat es das früher gegeben,
Jetzt gibt es das nicht mehr:
Leicht sein und einfach leben
Ohne Nutzungs- und Musterungsschein.
Wenn wir uns nicht Liebe geben,
Uns umfangen und uns erheben,
Betonieren sie uns ein.

Das gefällt mir immer noch. Es hält die Balance zwischen dem leichten Ton und der Einsicht, daß das Leichtsein, das Einfach leben, das nicht wenige ihrer Gedichte (für mich) zu propagieren scheinen, nicht (mehr) möglich ist. Es hat ein großes Trostpotential, viele Leser und auch ich brauchten und benutzten das.

Eva Strittmatter: Zwiegespräch. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau 1980, S. 92 (In späteren Ausgaben trägt es den Titel „Bitte II“)

2 Comments on “146. Beton

  1. Pingback: 151. Unwirsche Antwort an Tom « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. michael, erklär mir mal aus germanistischer sicht, was dir an ihr mißfällt. würdest du das? oder ist es einfach subjektiv nicht dein geschmack? dann gehts dir so wie mir mit Erich Fried: ich mag seine sachen überhaupt nicht, „obwohl“ ich weiß, daß sie gut sind 🙂 nun, was „die“ Strittmatter betrifft: ich hatte das glück, letztens in einem berliner 1-euro-antiquariat 5 ihrer wunderbaren hardcover-bücher zu erhaschen, also für 5 euro die originale! 😉 und im mai 2003 hatte ich das noch viel größere glück, sie live zu erleben und habe damals darüber einen bericht verfasst:

    DONNERDICHTUNG: Streitschrift-Satire für Eva Strittmatter statt Elke Erb =
    http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=2811

    die lesung fand open-air (bzw dann wegen des gewitters dicht gedrängt im atelier) in babelsberg statt:

    „Die Berliner Malerin und Objektkünstlerin Rengha Rodewill hat vor zehn Jahren ihr Atelier in Babelsberg bezogen, und sie hat es nie bereut. (…) Seit das Haus Atelier für Rengha Rodewill ist, finden dort auch einige Ausstellungen als Crossover mit Lesungen und Konzerten statt. Zu einem großen Ereignis wurde die Veranstaltung 2003 mit der Grande Dame der deutschen Lyrik, Eva Strittmatter. Eine Lesung, die später als viel gerühmte ‚Donnerdichtung‘ in der Presse beschrieben wurde.“ =
    http://www.openpr.de/news/210978/Rengha-Rodewill-Maibowle-im-Fruehlingsgarten-Zehn-Jahre-Atelier-in-Babelsberg.html

    Liken

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