23. Lesefrucht

Die Romantiker sind nicht romantisch, sage ich oft. Um 1800 entstehen viele der Probleme, die uns heute beglücken und quälen, und nicht Goethe und Schiller, sondern die jungen Leute in Jena, Weißenfels, Halle oder Göttingen sahen sie zuerst. Davon spricht dieses Zitat aus einem klugen Buch von 1967. Gut geschrieben obendrein – ich könnte sie ununterbrochen zitieren:

Ein wesentliches Feuerzeichen der Revolte war, daß man sich sprachlich voneinander absetzte. Künstler und Bürger beginnen in allen Städten Europas aneinander vorbeizusprechen. Das ergibt eine neue Sprache, in der hinter dem Gesagten immer mehr ist, als gesagt wird. Man steckt mit diesen konstruierten und auch vernetzten Formen die Distanz zum Biedermann ab. Sprache wird eine neue Aufgabe. Im dichtstrukturierten Dasein der Stadt hat Kunst sich anders zu behaupten. Sie ist als höchste menschliche Vollendung längst in Frage gestellt. Sie ist eine umstrittene Tatsache geworden und hat ein Existenzproblem. Durch ganz Europa geht die Unruhe des Stadtmenschen, die verblüfft, virtuos, reizvoll und gespannt in einer poetischen Weltsprache den Umbruch zu neuen Ordnungen unternimmt. Man versucht die labile Welt mit ästhetischen Mitteln zu meistern, vom Ungesicherten ins Sublime vorzustoßen. Es bereitet sich das Nietzschewort vor – die Welt ist im tiefsten Grund ein ästhetisches Phänomen –, das nicht durch Wissen und Sittengesetze ausgeschöpft werden kann. Und gerade dieser Umstand hat die angelsächsischen Länder immer wieder veranlaßt, die deutsche Romantik, an der ihnen die Verantwortung für Fortschritt und Wahrheit zu fehlen schien, als Stimmungsmache in Verruf zu bringen.

In: Marianne Thalmann: Zeichensprache der Romantik. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag, 1967, S. 12.

One Comment on “23. Lesefrucht

  1. Ja, ich teile die Begeisterung für diesen Abschnitt. Vor allem die Formulierung „vom Ungesicherten ins Sublime“ ist meisterhaft (und tröstet eine wenig über das nachfolgende Militärverb hinweg).

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