22. Juan Gelman 80

Bereits mit seinem ersten Gedichtband „Violine und andere Fragen“ brachte er es in seiner Heimat als Dichter zu einiger Berühmtheit. Typisch für seine Poesie sind die zahlreichen Heteronyme,  Gelman begnügt sich nicht mit einem alter ego, sondern erfindet, in einem Spiel aus Masken und Simulationen, immer wieder neue: ob John Wendell oder Yamanokuchi Ando, ob Julio Greco oder Jose Galvan, hinter allen diesen fiktiven Personen verbirgt sich immer derselbe, Juan Gelman. …

„Die Poesie“, hat er einmal gesagt, „ist vor allem ein stetiges Hinterfragen. Die Wirklichkeit hat derart viele Gesichter, dass es schwierig ist zu wissen, welches das wahre Gesicht ist.“

Die „äußerste Einsamkeit des Exils“ hat Gelman auch dazu gedrängt, sich auf die Suche nach den Wurzeln einer (seiner) fast vergessenen Sprache zu begeben, des Sephardischen. Das Sephardische, dem heutigen Spanisch sehr ähnlich, ist eine alte jüdisch-spanische Sprache; „Dibaxu / Debajo“ (Darunter) heißt der Zyklus von Gedichten, den Gelman 1984 zweisprachig veröffentlichte (und der auch, im Verlag der Kooperative Dürnau, 1999 dreisprachig, auf Sephardisch / Spanisch / Deutsch erschienen ist).

„Sieh nur: / ich bin ein zerbrochenes Kind / ich zittere in der Nacht / die von mir fällt“, heißt es dort. Es ist in diesen Gedichten die Liebe, die einen kleinen Vorrat an Hoffnung gewährt. Geschichte ist bei Gelman, wie bei vielen lateinamerikanischen Lyrikern, oft genug vor allem Leidenserfahrung. Doch gibt es in diesem Werk eben auch den glühenden Augenblick – der Liebe und des Körpers: „…mein Herz ist eine zerkratzte Schallplatte / sie dreht sich immer um dich / sie hält, sobald sie deine Schönheit trifft.“

Im Zürcher teamart-Verlag ist eine der schönsten deutschsprachigen Ausgaben der Gedichte dieses bedeutenden Lyrikers erschienen, „Spuren im Wasser“, übersetzt und sehr kundig eingeleitet von Juana und Tobias Burghardt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 3.5.

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