113. Der Dichter unter der Stiege

Das Buch von Brigitta Eisenreich „Celans Kreidestern“ (Suhrkamp) bringt mehr, als ich erwartet hatte. Etwa Details, die Celans zunehmende Verdunkelung, seine beiden letzten Jahre, auch dokumentarisch belegen. Etwa wenn die Autorin die von Celan angestrichenen Stellen im Tod des Empedokles (Hölderlin) mitteilt (Opfertod).

Bestechend, was man über Celans Blick auf die Rolle des Dichters erfährt. Etwa Celans Beschäftigung mit „Von einer Generation, die ihre Dichter vergeudet hat“ (Roman Jakobson), wo auch der in seinen Texten längst vorweggenommene Selbstmord Majakowskis Thema ist. Oder ein Vortrag aus dem Jahr 1907, „Der Dichter und diese Zeit“ (Hugo von Hofmannsthal). Daraus hat der der bereits extrem fremd wirkende Celan Brigitta Eisenreich vorgelesen. Darunter waren auch diese Zeilen.

„So ist der Dichter da, wo er nicht da zu sein scheint, und ist immer an einer anderen Stelle als er vermeint wird. Seltsam wohnt er im Haus der Zeit, unter der Stiege, wo alle an ihm vorüber müssen und keiner ihn achtet. Dies unbekannte Wohnen im eigenen Haus, unter der Stiege, im Dunkel, bei den Hunden, fremd und doch daheim; als ein Toter, als ein Phantom im Munde aller, ein Gebieter ihrer Tränen, gebettet in Liebe und Ehrfurcht, als ein Lebendiger gestossen von der letzten Magd und gewiesen zu den Hunden und ohne Amt in diesem Haus, ohne Dienst, ohne Recht, ohne Pflicht, als nur zu hungern und zu liegen und in sich dies alles immerfort bei Tag und Nacht abzuwiegen und ein ungeheures Leiden, ungeheures Geniessen zu durchleben … “

Auf 266 Seiten über Paul Celan erfährt man von Brigitta Eisenreich, wie „anders“ alles gewesen ist. Ein verblüffend „abweichend“ geschriebenes Buch. Mit vielen Dokumenten, Briefen, Anmerkungen, und Verweisungen. Selbst der Kundige wird staunen. Kompliment an die Autorin und den Verlag.

Wilhelm Fink, Hamburg

vgl. # 99. Celans Tausend und drei Leben

One Comment on “113. Der Dichter unter der Stiege

  1. Zusatz – Kistenkinder als Schriftsteller.
    Robert Walser sagt: Er, der Schriftsteller, ist mit sich jedesmal fertig, wenn er das erste Wort schreibt, und wenn er den ersten Satz geformt hat, kennt er sich nicht mehr.
    Sich selber fremd werden?Man ist ja glücklich, wenn der Lebensstrom sich weiterbewegt. Stillstand und Rosten, Oxidieren, sich von der Oberfläche her tieferfressend langsam mit der Atmosphäre verbinden, sich in ihr auflösen, – – – schlimm wäre das, in so einer chemischen Klemme festzusitzen. Kann da die Kunst einen Raum öffnen, der uns das Leben erweitert? Kann das geschriebene Wort ein Gegenmittel sein, nämlich nicht verzehrt zu werden im Alltag des Auf-Der-Welt-Seins?
    Kunst entsteht nicht aus Gründen, sondern aus Abgründen.
    Wer lieber so und nicht anders ungestört weiter lebt, ohne sich von der Kunst beunruhigen zu lassen, der folgt, heißt es, möglicherweise nur seinem Naturell, seinem Temperament. Ein solcher Mensch hat die Eigenart, zu schweigen. Er öffnet keine Türen. Nicht die eigenen, auch keine Freundestüren, keine fremden Türen, keine Tore zu anderen Wirklichkeiten..
    Von Marina Zwetajewastammt das deutliche Wort: Alle Henker sind Brüder. Der Handelnde, so wußte Goethe, muß immer gewissenlos sein. In einem Himmelfahrts-Text geht es um jenes Paradies, es liegt in schöner Aussicht, wo keiner sein will. Marina Zwetajewa schrieb darüber an Rilke. Sie benennt den Vorort, Bellevue, ihre Straße. Sie grüßt Rilke aus dem randgelagerten Gebiet. Sie hebt für ihn das Glas, es klingt, aber für Rilke ist jetzt kein Schluck Weines not, sondern ein Wattebausch für die Tinte an seiner Hand.
    Was geht in die große Rechnung ein,in die Lebens-Rechnung? Bekommt man eine Gutschrift, etwa als „Idealist“? Die Endabrechnung ist wohl eher negativ. Kierkegaard empfand sich als Einzelner, der vom Leben der anderen Menschen ausgeschlossen bleibt. Im „Augenblick“ schrieb er: «Die gesteigerte Wahrheit muß sich immer ausnehmen wie eine Art von Verrücktheit – in der Welt des Quatsches.»
    Man soll nicht versuchen, sich am untauglichen Objekt abzuarbeiten. Die Künstler sind da freilich eigensinnig. Willst du einen Schriftsteller erhalten, sagt Lars Gustafson, so mußt du ihn als Kind in eine Kiste sperren.
    Wer von klein auf beispielsweise darauf trainiert worden ist, eine objektiv vielleicht »unmögliche« Lebensverbindung (Mann und Frau in einer Ehe, die keine Basis hat) zur Funktion, zum Weiterbestehen zu bringen, eben als Bindeglied, Kind seiner Eltern, Klebemittel, Schmieröl, Sündenböckchen, – der stürmt als Erwachsener auf Felswände zu, die ihn nicht betreffen und prallt immer wieder an ihnen ab, nicht für sich selbst, sondern für andere. Ein Leben als Stellvertreter.
    Wie gut, wenn es für das mißbrauchte Kind, für das Opferlämmchen die Kunst gibt. In diesen Schallraum kann der Erwachsene hineinrufen. – Es gibt die Frage, was das eigentlich sei: Echo? Kühle Antwort gibt ein altes Kinderwort: Echo ist, wenn einer ruft und keiner da ist.

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