52. Chinesische Lyrik auf Amerikanisch

… etwas außerordentlich Intimes von fast fotografischer Transparenz liegt in der Art, wie amerikanische Dichter des vergangenen Jahrhunderts über die alten Chinesen dachten. In der Einleitung seiner Übersetzung des Eremitendichters Han Shan aus der Tangzeit schreibt Gary Snyder, weil die Bilder von Kälte, Höhe, Einsamkeit, Berg unserer zeitgenössischen Erfahrung immer noch zugänglich seien, habe er mit der Sierra Nevada verbundene Bilder als „Analogie (‚Übersetzung‘) der niedrigeren, nasseren, grüneren Berge Südchinas“ benutzt. Mit anderen Worten, Snyder sieht sich, ohne es direkt zu sagen, als ein Han Shan des 20. Jahrhunderts, als ein Einsiedler in Gedanken an einen anderen.

Daß darin beträchtliche künstlerische und intellektuelle Hybris liegt, scheint kaum der Rede wert. Wir glauben zu wissen, was chinesische Lyrik ist, wie wir (in einem gewissen sozialen Milieu) wissen, was Zen und feng shui und das Taoteking sind. Einer der großen Vorteile eines solchen Zeitalters ist, daß hochgebildete Gelehrte wie David Hinton ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können, Gedichte neu zu übersetzen, die es bereits in zahlreichen englischen Fassungen gibt. Das Erscheinen seines Bandes Classical Chinese Poetry: An Anthology – der virtuosesten Sammlung von Übersetzungen für eine ganze Generation – ist auch Anlaß, zwei grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie kam es zu dieser wunderbaren Verwandtschaft? Und können wir es guten Herzens dabei belassen; können wir das Seil weiterreichen, ohne es zu zerreißen?

Die amerikanische Romanze mit der klassischen chinesischen Lyrik beginnt wie aus dem Nichts mit der von Ezra Pound redigierten Fassung von Ernest Fenollosas Essay „Das chinesischen Schriftzeichen als Medium der Poesie“. In Pounds Version präsentiert der Essay das chinesische Schriftzeichen als Ideogramm, als erkennbares Bild der Wortbedeutung. Diese  Übereinstimmung von Wort und Bild war für Pound am besten in dem Zeichen  信  sichtbar, welches „Glauben“ oder „Vertrauen“ bedeutet und aus den Elementen 人  „Mensch“ und 言  „Wort“ zusammengesetzt ist, also „ein Mensch, der zu seinem Wort steht“. Pounds Anrufung des Ideogramms als exakte Analogie zur imagistischen Poetik schuf einen Rahmen, wenn nicht den Rahmen für die amerikanische Lyrik nach den 1920er Jahren. Die Übersetzung chinesischer Lyrik bewegte sich weitgehend, wenn nicht ausschließlich in diesem Rahmen.

/ Jess Row, from The Threepenny Review, Winter 2010 (bei Poetry Daily)

  • Classical Chinese Poetry: An Anthology, edited and translated by David Hinton
  • The Chinese Written Character as a Medium for Poetry: A Critical Edition, Ezra Pound and Ernest Fenellosa; edited by Saussy, Stalling, and Klein

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