7. Mexikanische Tradition

Der Cervantes-Preis geht dieses Jahr an den mexikanischen Autor José Emilio Pacheco. Paul Ingendaay sprach mit Doris Schäfer-Noske, DLR:.

… man hört von Pacheco, er sei ein ungewöhnlich bescheidener Mensch!

Paul Ingendaay: Ja, das ist eigentlich ein sehr schöner Zug an diesem Autor, dem man mal sagte, er sei doch der berühmteste Dichter seines Landes, in Mexiko eben, und er darauf antwortete, er sei noch nicht mal der berühmteste Dichter seines Stadtviertels, denn dort wohnt auch der Argentinier Juan Gelman, der vor ihm den Cervantes-Preis erhalten hat. Also eine sehr bescheidene Art des Auftretens bei diesem Mann.

Schäfer-Noske: Bekannt geworden ist Pacheco vor allem mit Naturlyrik. Was ist es denn für eine Natur, die er in seinen Gedichten beschreibt?

Ingendaay: Zuerst mal wird man sagen, dass er ein modernistischer Lyriker ist, der auch amerikanische Lyrik ins Spanische übertragen hat, der die Tradition rauf und runter kennt. Sehr lakonisch, sehr klar, sehr intellektuell, introspektiv und ich würde sagen absolut nicht verträumt oder nicht ökoverträumt oder irgendwie sehnsüchtig, wie man sich das vorstellt bei Naturlyrik, sondern eigentlich, er spiegelt den Menschen in der Natur, wie das auch der große Ire … tut, aber eben jetzt auf ganz andere, viel noch mal knappere Weise.

Schäfer-Noske: Aber es ist keine Idylle, die er darstellt?

Ingendaay: Überhaupt nicht, er ist sogar ein Pessimist und er sieht den Menschen eher sehr klein, und das drückt sich in seiner Lyrik aus. Die Ameise ist eines seiner zentralen Bilder, und er glaubt sogar – zumindest kann man das seinen Schriften entnehmen -, dass bei der Evolution des Menschen irgendetwas schiefgegangen ist.

(…)

Schäfer-Noske: Was macht denn den Stil von Pacheco aus?

Ingendaay: Ich glaube, es ist die Abbildung einer Denkbewegung, aber dabei so, also ich sag mal lyrisch, so klar und auch so evokativ, dass man sich fast ins Träumen begeben kann, wenn man ihn liest. Ich lese ihn wirklich sehr, sehr gern. In Mexiko, wir dürfen das nicht vergessen, gibt es viel mehr Lyrikleser als bei uns. Ich habe mal in einer alten Ausgabe, die ich habe, nachgeschaut, da war eine Auflage von 16.000 Stück, das ist ja für so was sensationell, das gäbe es bei uns gar nicht. Von daher, die große lyrische Tradition in Mexiko hat eben nach Octavio Paz auch diesen Dichter hervorgebracht.

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