168. Gedanken eines Übersetzers

Das Interesse an Übersetzungen der Werke italienischer Autoren bei österreichischen Verlagen ist gering. Vor allem Lyrik hat keine Chance. Hat doch nicht einmal die von Österreichern verfasste Lyrik eine Chance, sich auf dem hiesigen Büchermarkt zu behaupten. Veröffentlicht wird fremdsprachige Lyrik zumeist nur, wenn ein namhafter Übersetzer „dahinter“ ist und wenn die Publikation durch Subventionen und Preise zur Gänze finanziert ist. Umgekehrt ist es aber nicht anders. Ich habe in italienischen Verlagen bisher sechs Bücher veröffentlicht – keines dieser Bücher hätte erscheinen können, wenn sie nicht von österreichischen öffentlichen und privaten Stellen finanziert worden wären. …

Das konstatierte wechselseitige Desinteresse, das sich – wie etwa in Triest – bis zur Indolenz steigert, macht die Existenz – zumindest die materielle – eines Autors schwer, der, wie ich, Gelegenheit hatte, länger in einem anderen Land zu leben und dem es ein Bedürfnis ist, zwischen den Sprachen und Kulturen zu vermitteln.

2. Exkurs. Es ist paradox: Die österreichische Literatur des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist – in meinen Augen – vor allem ein Produkt der österreichischen Germanistik und der Medien. Autoren, deren Bücher, die oft weit unter dem literarischen Niveau des 19. Jahrhunderts bleiben, sich aber mit gängigen Themen befassen, von den Medien prompt zu „Bestsellern“ gemacht werden, wie auch Autoren, deren oft komplexe, avantgardistische, experimentelle Werke zwar unlesbar, aber für die Behandlung in germanistischen Seminaren geeignet sind, erfahren eine öffentliche Förderung, die in einer Gesellschaft, der an der Literatur nachweislich wenig liegt, beispiellos ist.

Österreichische Autoren können nur überleben, indem sie entweder erst gar nicht versuchen, vom Ertrag ihres Schreibens zu leben, oder einen Verlag in Deutschland finden – oder durch staatliche und private Preise und Stipendien. Die Listen der Empfänger eines Staats- oder Projektstipendiums, die jedes Jahr vergeben werden, beweisen freilich den notorischen Nepotismus dieses Förderungssystems. Ende des Exkurses.

/ Hans Raimund, Die Presse 31.10.

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