60. Knüppel auf den Kopf

Gute vier Jahre ist es her, dass mir in einer Buchhandlung die von Manfred Enzensperger herausgegebenen „Hölderlin-Ameisen“ ins Auge krochen, jene poetisch-poetologische Anthologie, in der sich so unterschiedliche Lyrik-Charaktere wie Marcel Beyer, Oskar Pastior oder Ulrike Draesner versammelten, um ihre Gedichte mittels Material und Kommentar begehbar(er) zu machen. Einer der in den „Ameisen“ vertretenen Autoren blieb mir aufgrund seiner umbarmherzigen, eindringlichen Schilderung eines Kriegsverbrechens (nur als solches lässt sich ein im Ersten Weltkrieg von den deutschen Besatzern errichteter Starkstromzaun entlang der belgisch-niederländischen Grenze, der bis 1918 über 2.000 Todesopfer forderte, wohl bezeichnen) in besonderer Erinnerung: Jürgen Nendza – augenblicklich der feste Vorsatz, möglichst bald einen Einzelband von ihm zu lesen. Ein fester Vorsatz, wie gesagt, und dann lag da ein anderes Buch, und noch eins, noch ein weiteres… und so war es höchste Zeit und zugleich erfreulicher Zufall, dass ich vor kurzem den in der Landpresse erschienenen Band Die Rotation des Kolibriserhielt.

Nahezu freundlich eröffnet Nendza mit dem ersten Gedicht des Bandes: „Wieder tritt der Frühling über die Schwelle“ – sangesgleich heben diese ersten Wörter an – hier heißt es wachsam sein, sich nicht einlullen lassen: so positiv befrachtet die erste Zeile auch sein mag, so allgegenwärtig ist die Bedrohung, die latente Gewalt, der viele von Nendzas Gedichten unterliegen. Unvermittelt kann bei ihm die Stimmung kippen, und so dauert es auch hier nur wenige Zeilen, bis die Situation brenzlig wird:Vor Pollenflug warnt man jetzt stündlich – das klingt bedrohlich, nicht mehr nach dem Problem Einzelner, sondern nach konkreter Bedrängnis aller. Zum Ende des Gedichtes hat sich die Gefahr des Pollenfluges auch akustische Unterstützung gesichert, in diesem Fall vom Häher, der fliegt jenseits der Vergleiche, schreddert die Luft – mit geschredderter Luft lässt Nedza hier enden, was noch vor wenigen Zeilen mit frühlingshaften Kirschblüten begann.

Die okkulte Präsenz gewalttätiger Veränderung ist symptomatisch für viele seiner Gedichte; niemand sollte oder darf sich in Sicherheit wiegen. Vieles, was harmlos, beinahe romantisch beginnt, erhält im weiteren Verlauf einen Knüppel auf den Kopf. / Stefan Heuer, fixpoetry.com

Jürgen Nendza: Die Rotation des Kolibris. Gedichte. Landpresse, Weilerswist 2008

Außerdem im fixpoetry-Feuilleton:

Die schönen scharfen Zähne der Koralle
Autor: Michael Wildenhain (Besprechung: Frank Milautzcki)

Kolonie Zur Sonne
Autor: Steffen Popp (Besprechung: Andreas Hutt)

Polnische Poesie nach der Wende – Generation 89
Autor: Robert Hodel (Besprechung: Daniel Henseler)

meißelbrut
Autor: Holger Benkel (Besprechung: André Schinkel)

jana, vermacht
Autor: Anja Utler (Besprechung: Dabic Jelena)

Weißer Mohn
Autor: Clemens Lindner (Besprechung: Helmuth Schönauer)

Von der Oberfläche der Erde
Autoren: Björn Kuhligk, Clemens Kuhnert (Besprechung: Daniel Ketteler)

Da ging Heißenbüttel
Autor: Peter Engel (Besprechung: Josef Quack)

Ode an die freie Unternehmung
Autor: Caius Dobrescu (Besprechung: Frank Milautzcki)

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