143. Neue Generation?

Früher schmückten sich manche Publikationen mit den Köpfen ihrer Klassiker – drei oder vier, je nachdem. Heute übernehmen die Werbeabteilungen diesen 1a Werbeplatz – oder gleich Google. Auf der Seite der Tageszeitung Die Welt vom 21.3. mit den eben vorgestellten Sammelrezensionen prangt der Kopf von Adolf Hitler neben dem Text „Zweiter Weltkrieg. Wie weit war Hitler mit“. Sie kennen das, wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie klicken. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Rechts- oder Sicherheitsabteilung und ggf. Psychiater. Rechts neben der Titelzeile steht: „Superreiche. So viel Geld haben sie verloren“. Dazu das Bild einer superreichen Dame, die anscheinend soviel verloren hat, daß es nicht mehr für Kleidung reicht. Klick!

Neben der Rezension von John Updike ein graues Kästchen mit dem Text:

Ads by Google
Lyrik Dramen Prosa
Eine neue Generation
nach der linken Formzerstörung
arnshaugk.de

Angeblich machen das ja nicht Autoren mit bestimmten Absichten, sondern Maschinen nach einem Algorithmus. Ich habe mich vor 2 Jahrzehnten, in der Computer-Bronzezeit, ein paar Jahre mit der Programmiersprache Turbopascal beschäftigt. Den Algorithmus möchte ich mal kennenlernen, bei dem man aus Myriaden Möglichkeiten bei einer Rezension von Updike, Danz, Gustafsson und Kempowski ausgerechnet bei Hitler, der nackten Reichen und dem neurechten Szeneverlag landet.

Natürlich interessiert mich – ich schwöre! – eine neue Dichtergeneration noch mehr als Hitler oder nackte Reiche. Deshalb habe ich – Google ist mein Zeuge – von den drei Möglichkeiten nur auf diese geklickt. Die neue Generation spricht so:

Im Orlagau ist der Name [Arnshaugk] wohlbekannt, im Süden von Neustadt erhebt sich ein Sporn dieses Namens, ein Ausläufer des Frankenwaldes. Man kann den Namen mit Adlerhorst übersetzen.

Eine ritterliche Sprache, um die Konnotationen erst mal ungefähr einzukreisen. Der Verlag stellt sich so vor (und kommt bald zur Sache):

Der Verlag wurde 1986 in München gegründet und brachte 1990 zunächst eine siebenbändige Ausgabe der Werke Rolf Schillings heraus. Diese wurde bis 1997 auf 16 Bände erweitert und abgeschlossen. Außerdem entstanden damals in Zusammenarbeit mit Arno Breker die Sonderdrucke „Tage der Götter“ und „Eros und Ares“.

Wenn Sie die Werke von Rolf Schilling nicht kennen, brauchen Sie sich auch nicht weiter zu bemühen. Wer ihn braucht, kennt ihn schon, und umgekehrt mit „nicht“. Hier als Beleg eine Strophe aus einem Gedicht, das „Luzifer“ betitelt ist:

Spürt, bis ins Herz eurer friedlichsten Tage,
Söhne des Staubs meinen knirschenden Schritt,
Wenn ich mit rauschendem Fittich zerschlage
Sanftes Getier, das mich liebend erlitt.

Dis Sprache ist nicht luziferisch, sondern ziemlich das Gegenteil (Benn nannte es seraphisch).
Schilling ist wohl der Übervater dieser „neuen Generation“. So hat er in die Biographie von Uwe Lammla eingegriffen, dem entweder von ihm selbst oder von seinen Freunden zum Genie erklärten Überdichter der „Generation“. So stellt ihn der Verlag vor (beachten Sie die Produktivität in den „ersten Monaten“ des Jahres 2009!):

UWE LAMMLA
wurde 1961 in Neustadt an der Orla geboren, lebte von 1984 bis 2009 in München, und ist derzeit beim Rück-Umzug in seine Heimat. Mit 17 begann er zu dichten, größere Schübe gab es im Alter von 19 bis 23 Jahren, dann im Alter von 29 bis 35 Jahren und schließlich anhaltend seit dem 45. Lebensjahr. Die frühen Gedichte sind von Rilke, Trakl und den Romantikern beeinflußt, seit 1981 von Rolf Schilling. Zu Beginn der 90er Jahre entwickelte er vom Seerosenritter bis zum Traum von Atlantis eine eigene dichterische Welt, in der die Präsenz und Vertracktheit des Mythischen in sinnenfrohen Bildern gezeichnet wird. In den späten 90ern langsam wachsend, dann vom Jahre 2006 an in großer Dichte entstehen Gedichtbücher, in denen die Verbindung des Reichsgedankens mit dem Christentum zentral ist. 2008 kamen essayistische Arbeiten mit literarischen, politischen und religiösen Themen dazu. In den ersten Monaten des Jahres 2009 entstanden eine ganze Reihe von Versdramen mit antiken, mittelalterlichen und modernen Stoffen.

Lammla soll auch seine Strophe kriegen:

Bist du von Rasse, so fragt dich der Kamerad Peter,
Den du verdächtigst, ein ahnloser Mischling zu sein,
Mag auch die Zeit schon die Frage verdammen, kein Meter
Soll dich vom Kern ihres wuchtigen Ernstes befrein.

Die neurechten „Großdichter“ aus Thüringen werden die Literaturgeschichte nicht umkrempeln, aber sie können sich freuen, daß sie es in die Mitte der Gesellschaft gebracht haben: zu Google und der „Welt“.
Vgl. L&Poe 2008 Feb #31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945); 2008 Jun #22. Antwort

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