77. Scherstjanoi liest Scherstjanoi

Aufnahmen von der Lesung in Leipzig mit Lautgedichten Scherstjanois (unten)

Über das Lautgedicht sagt er:

In meiner Dichtung geht es vor allem um eine andere Kommunikation, und das ist die Kommunikation des rein emotionalen Aktes. Wenn ein Lautdichter auf der Bühne ist und beginnt, mit seinen Lauten zu agieren, dann denken die Leute nicht daran, ob sie ihn verstehen. Sie versuchen sogar, mit einem Lächeln, mit einem Lachen sich dagegen zu wehren Aber dann reagieren sie auf seine Emotionen mit ihren Emotionen. Und dann entsteht eine emotionale Kommunikation, keine semantische, also eine asemantische, natürlich akustisch gefärbte Kommunikation. Da setze ich ganz bewusst die Tradition der russischen transrationalen Dichter fort. Das waren in erster Linie Alexej Krutschonych, Welimir Chlebnikow, Ilja Sdanewitsch, bekannt im Westen als Iljasd, dann Igor Terentjew, Wassili Kamenski und andere. Insgesamt gab es von ihnen etwa zwanzig in der Zeit der grossen russischen Avantgarde, der Zeit der grossen Utopie von 1908 bis circa 1930, bis zum Selbstmord von Majakowski, und paar Jahre danach. Aber diese Anfänge im russischen Futurismus um 1908 und 1912, um Krutschonych, sind steckengeblieben wegen des Bürgerkrieges und der Zerstörungen im Lande. Sie sind meistens früh gestorben, sie sind im Gulag umgekommen oder waren gezwungen in den Westen zu gehen. Also es gab keinen günstigen Nährboden für die weitere Entwicklung dieser Lautsprache, dieser Lautkunst. Aber im Westen gab es eine parallele Erscheinung im italienischen Futurismus und dann, einige Jahre später, im deutschsprachigen Dadaismus. In Westeuropa konnte sich diese Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickeln. Es gab in Frankreich zum Beispiel eine lettristische Bewegung, und dann die Ultralettristen. In Italien die Poesia Sonora.

Über die Deutschen:

Claus ist mein großes Vorbild gewesen. Er war ein Lautaggregat — übrigens der Titel eines seiner Hörspiele aus dem Jahre 1993. Er war eine Lautmaschine, und er […] sprach vom Verlassen der natürlichen Sprache. Darin war sein Weg. Ich als Lautländler habe meine eigenen Visionen. In der DDR gibt es noch einige Namen, aber sie entsprechen im Grunde nicht meiner Absicht. Was man zum Beispiel am Prenzlauer Berg gemacht hat …sie waren zu ideologisch. Die Lautdichtung, hat ein russischer Sprachwissenschaftler gesagt, ist die Kunst, die außerhalb der Ideologie frei existieren kann. Aber diese Leute — ich meine nicht böse — aus dem Prenzlauer Berg, von Elke Erb bis Bert Papenfuß, sind für mich immer zu politisch gewesen. Sie waren keine reinen Lautdichter. Lautdichter gab es und gibt es in Westeuropa, Kanada, den USA und Australien.

(Aus dem Glossen-Interview)

Scherstjanois Einführung   3:05

Lautgedicht 1  1:15

Lautgedicht 2  1:32

Lautgedicht 3  1:16

Lautgedicht 4  2:13

Weblinks

  • Lautland Homepage von Valeri Scherstjanoi (mit Text- und Hörproben)
  • Wikipedia
  • glossen: interview. Es geht um den Reichtum des menschlichen Lebens — ein Werkstattgespräch mit dem Lautdichter Valeri Scherstjanoi, München, Juni 1999.
  • 3durch3 .reihe Sprachkunst – Kassel – Stuttgart (mit Aufnahme, 25:27 Min, 128Kbps, 22 MB)
  • Scribendarium Kassel
  • Buchtipp von Beat Mazenauer: Scherstjanoi, Valeri: Lautkonzert. Konzert am 21. Januar 2000 in Gelting. (original language: Lautsprache) Edition Schielein / Hybriden Verlag , Berlin, 2001 (Link zu Video und Audio)
  • Valeri Scherstjanoi, Zwischen Marc Chagall und Felix Dzerhinskij
  • Aufnahmen im Hybriden-Verlag
  • S.J. Schmidt, Scribentisches
  • Hörspiele von Valeri Scherstjanoi in Hördat

Bücher

  • Valeri Scherstjanoi „Zaoum – Schriften“ experimentelle texte hrsg. von k. riha und s.j. schmidt siegen Gesamthochschule Siegen (1985)
  • Valerij Šersťanoj „vizuálni texty“ Galerie Stará radnice Dům uměni města Brna Vorwort von Jiři Valoch (1990)
  • Valeri Scherstjanoi „das russische abc – scribentisch“ gertraud scholz verlag obermichelbach (1990)
  • Valeri Scherstjanoi „laute zeichnen bilder hören“ gertraud scholz verlag obermichelbach (1991)
  • Valeri Scherstjanoi „ars scribendi“ kap + galerie art-contact Karlsruhe (1992)
  • Valeri Scherstjanoi (Hrsg.) „Tango mit Kühen“ Anthologie der russischen Lautpoesie zu Beginn des 20.Jahrhunderts edition selena Wien (1998)
  • Valeri Scherstjanoi „lauter scherben. texte zeichnungen chronik“ Books on Demand Nordstedt“ (2008)

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