2. Goethes (und Chomeinis) Lieblingsdichter

Nur in Persepolis, dem Glanzpunkt des alten Kulturlandes und seiner mehrtausendjährigen Geschichte, und an den Grabstätten von Hafiz und Saadi in Schiraz unterbleibt der penetrante Personenkult [um Chomeini). Dort finden sich vor allem junge Menschen ein, um Verse der beiden Poeten zu sprechen und Blumen auf die Grabplatten zu legen. Erstaunlich, dass die von Wein, Weib und Weltliebe singenden Gedichte, die Goethe zum „West-östlichen Divan“ inspirierten, nicht dem Bann der religiösen Eiferer verfallen sind. / Hans Dieter Kley, Hamburger Abendblatt 6.3.04

Regina Berlinghof erklärt den Widerspruch:

Ein frommer Muslim, der den Wein preist, der den Schenken und die Schenkin besingt; ein Dichter, der kein Hehl aus seiner Wein- und Liebestrunkenheit macht, – das erhitzte schon die Gemüter seiner Zeitgenossen und schafft bis heute fundamentalistischen Anhängern Probleme – denn seine Verse sind einfach zu schön, um sie zur Hölle zu schicken. Wie immer in solchen Fällen helfen Interpretationen: der Wein wird zum himmlischen Wein, die Geliebte ist die Brautseele, die sich nach Gott sehnt… So konnte Hafis selbst zum Lieblingsdichter Chomeinis werden.

1911 erschien Bethges Auswahl der freisinnigen und sinnlichen Verse des Hafis zum ersten Mal und wurde wie schon zuvor „Die chinesische Flöte“ ein großer Erfolg. Bethges ungebundene Verse, der feine Schwung und Rhythmus seiner Sprache begeisterten nicht nur die Leser, sondern regten viele Komponisten zur Vertonung an. Beste Beispiele sind Karol Szymanowskis und Viktor Ullmanns Vertonungen der Hafislieder.

Diese Neuausgabe des zuletzt 1941 im Inselverlag erschienenen Bandes will allen Interessierten die Gelegenheit geben, die liebesglühenden Verse des Hafis kennenzulernen – und dazu die Schönheit der kongenialen Nachdichtungen Hans Bethges.

In ihrem Yin Yang Medienverlag gibt es neben der soeben erschienenen Neuausgabe von Bethges Hafisübersetzung auch die erste deutsche Gesamtausgabe von Joseph von Hammer (1812/13), die Goethes Westöstlichen Divan anregte.

Hans Bethge, Die Nachdichtungen der Lieder und Gesänge des Hafis – 148 Seiten, ISBN 3-935727-03-8, Euro 12,50

Hafis: Der Diwan, (Hammer-Purgstall), zwei Teilbände, br., zusammen Euro 46,00, ISBN 3-9806799-3-4

Hier ein Gedicht in Bethges Nachdichtung:

GENESUNG

Der dummen Weisheit und der albernen Tugend
War ich zu lange nachgegangen, – nun
War ich gar müde meiner jungen Tage.

Da kamest du und sprachest: Her zu mir!
Bei mir ist heitre Torheit! Pflücke dir
Die Sünde ab von meinen Rosenlippen
Und meinen Brüsten, die vor Jugend starren!

Da kam ich, voller Glück, daß du mir hold warst,
Und tat, wie du geheißen – und genas.

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